Agent Carter – Die Spionin, die ich liebe

Acht Folgen lang kämpfte Marvel-Agentin Peggy Carter in ihrer Solo-Serie gegen Hydra-Spione und sexistische Vorgesetzte. Eine gelungener Beitrag zum Marvel Cinematic Universe? Ein Eindruck nach der ersten Staffel „Agent Carter“.

Zum Start der Serie Anfang Januar hatte ich noch in einem gemeinsam mit Alexander Matzkeit und Matthias Hopf im Ninja-Podcast darüber spekuliert, ob Agent Carter eventuell zu geradelinig, formelhaft und, wegen des „Prequel-Faktors“, überhaupt ein bisschen „egal“ ausfallen könnte.

Am Ende dieser ersten Staffel Agent Carter kann ich eigentlich die meisten dieser Befürchtungen erleichtert in den Wind schreiben. Nicht nur der Plot war lange nicht so vorhersehbar, wie anfangs erwartet, in vieler Hinsicht hat Marvel hier wieder etwas sehr sehenswertes zusammengeschustert. Und sich dabei vor allem auf zwei Kernelemente konzentriert, die meiner Meinung nach für diesen Erfolg gesorgt haben.

Sister is doing it for herself

Der erste Grund, Agent Carter zu lieben, ist natürlich Agent Carter selbst. Ich kann so manchen schon geistig rufen hören: „Gott Alter, wir wissen es mittlerweile, Du findest Hayley Atwell eben steil, bitte spar uns an der Stelle einen Absatz notgeilen Gesabbers darüber, wie hot die Alte doch ist!“ Ist ja richtig. I love Miss Atwell. Will ich ja gar nicht leugnen. Aber das ist eigentlich nur in zweiter Linie der Grund, warum ich von der Figur Peggy Carter so begeistert bin. Denn Marvel hat mich über den Verlauf dieser Staffel wirklich den kleinen Feministen in mir entdecken lassen, so positiv sie hier ihre Heldin Peggy hier. Es ist schon seltsam, dass man sowas Anno 2015 immer noch betonen muss, aber gerade im Comic/Superhero-Genre sind durchweg positive Frauenrollen immer noch nicht die Regel. Zu oft werden sie auf die überkandidelten, liebesfixierten oder ständig ermahnenden Girlfriends reduziert (Natalie Portmans Jane Foster in den Thor-Filmen, Liv Tylers Betty Ross in Der Unglaubliche Hulk oder Gwyneth Paltrows Pepper Potts in Iron Man), die eindeutig die zweite Geige hinter der Man-Show spielen müssen. Irgendein Love-Interest braucht man ja.

Peggy Carter schien in Captain America: The First Avenger zunächst dieses Schicksal zu teilen, hat es aber nach dieser Staffel Agent Carter gründlich hinter sich gelassen. Umso interessanter, dass der Abschied von Steve „Cap“ Rogers, der Liebe ihres Lebens, sein Erbe und die Erinnerung an ihn auch inhaltlich in der Serie eine wesentliche Rolle spielt. Doch Peggy ist hier ihre eigenständige Heldin und das in wunderbarer Art und Weise. Sie ist taff, unabhängig und klug, gleichzeitig mitfühlend, humorvoll, ehrgeizig und wagemutig. Liest sich ja jetzt sehr blumig, aber Darstellerin Hayley Atwell schnürt diese Figur in einem Paket zusammen, die sie eben sowohl nicht wie eine überzeichnete Superheldin, noch wie einen verkrampften Emanzenengel dastehen lässt. Der Emanzipationsaspekt der Serie ist ein zentrales Thema und über den Verlauf der Staffel erlebt der Zuschauer immer wieder, wie Peggy offen diskriminiert wird, einfach aus der Tatsache heraus, dass sie eine Frau ist. Sie wird abschätzig behandelt, auf den Sekretärinnen-Posten degradiert, ihre offensichtlichen Talente und ihre bereits vollbrachten Leistungen werden kurzerhand ignoriert und das Lob dafür fahren ihre männlichen Kollegen ein.
Agent Carter Gif
Diese Entmündigung zieht sich auch ins Private, in ihrem Wohnheim wird Peggy ständig von einer aufseherischen Vermieterin überwacht, die jeglichen Besuch bei ihren Mieterinnen streng kontrolliert. Peggy ist zutiefst und zurecht verärgert und frustiert von dieser Behandlung. Doch anstatt an diesen Hürden zu verbittern, kämpft Peggy Carter sich durch und verdient sich den Respekt ihrer männlichen Kollegen, indem sie schlicht besser ist als sie. Und das ohne sich dabei sexuell anzubiedern oder eine Sonderrolle herauszufordern.

Agent Carter gif 2

Die Staffel baut hier in der Figur einer russischen Undercover-Agentin auch einen passenden, thematischen Gegenpol auf: Auf der einen Seite steht Agent Peggy Carter, die ihre Position durch ihre eigene Leistung hart erarbeitet und verdient hat. Ihr gegenüber steht eine regelrechte Formwandlerin, die sich ihre Rollen und Position nur durch Lüge, Gewalt und sexuelle Avancen erschleichen kann.

Die "Anti-Peggy": Bridget Regan als Dottie Underwood  in "Agent Carter" (c)Marvel/ABC

Die „Anti-Peggy“: Bridget Regan als Dottie Underwood in „Agent Carter“ (c)Marvel/ABC

Als dieses Biest im Staffelfinale gegenüber Peggy Carter vermeintlich triumphierend ausruft: „Ich kann alles sein, was ich will! Vielleicht werde ich als nächstes ein SSR-Agent sein?“ wirkt das wie ein pervertiertes feministisches Statement. Denn natürlich spielt sie nur eine Rolle. Egal, welches Kostüm sie sich anzieht, sie bleibt eine von Männerhänden kommandierte Marionette, für immer eine gefangene Sklavin eines sie dominierenden Systems. Nicht so Peggy. Sie entscheidet selbst über ihr Schicksal und persönliches Glück.

Als erwachsener, zynischer Mensch fällt es nicht schwer, dass als platt oder offensichtlich zu empfinden. Doch es lohnt sich sehr, gerade im Bereich des Popcorn-Entertainment immer wieder zu hinterfragen: Welche Wertesbild, welche Geschlechterverhältnis, welche Rollenverteilung wird hier vermittelt? Die Botschaft, die ich bei Agent Carter herauslesen kann ist: „Mädels, selbst wenn euch Chauvis oft das Leben schwermachen sollten – lasst euch nicht unterkriegen! Ihr könnt es mindestens genauso gut wie die Typen. Im Leben kommt ihr nicht voran, indem ihr euch gefällig von den Kerlen in die Rollen pressen lasst, in die sie euch gerne zwängen würden. Ihr müsst ihnen schlicht zeigen, dass ihr alles ebenso gut könnt, wie sie, eures eigenen Wertes bewusst sein und das auch zum Ausdruck bringen.“ Das ist auch 2015 noch eine verdammt relevante Botschaft. Hätte ich eine Tochter, ich würde sofort mit ihr „Agent Carter“ kucken.

What a wonderful Marvel world

Die zweite Stärke von Agent Carter ist das sogenannte „World Building“, also die Auspolsterung dieser fantastischen Kreation namens Marvel Cinematic Universe. Natürlich kann die Serie hier stark davon zehren, dass in dieser Hinsicht auch schon ein Menge Vorarbeit geleistet wurde, sei es im Kino oder im Fernsehen. Doch die Serie schafft es durch etliche Kunstgriffe, diesem mediumsübergreifenden Kosmos zusätzlich Gestalt einzuhauchen.
Alleine die Einführung der Figur des Edwin Jarvis, eine zentrale Figur im Marvel-Universum, glückt auf ganzer Linie, vor allem auch, weil man mit dem Briten James D’Arcy einen großartigen Darsteller für die Rolle gefunden hat. Casting war ja schon immer Marvels Stärke. Das Zusammenspiel zwischen Jarvis und Peggy sorgt über die Staffel immer wieder für lockere Momente. Köstlich etwa der Moment in Folge 7, als die Beiden, gekettet an einen Tisch, aus einem Raum entkommen wollen und dafür mithilfe des Tisches ein Fenster einschlagen: „I just realized something: We’re still tied to the table.“ – ich musste spontan an Indiana & Henry Jones denken, wie sie sich in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug gefesselt aus einem brennenden Nazi-Schloss retten müssen.

Spitzenteam: Peggy & Jarvis (Hayley Atwell & James D'Arcy (c)Marvel/ABC

Spitzenteam: Peggy & Jarvis (Hayley Atwell & James D’Arcy (c)Marvel/ABC

Dominic Cooper, zurück in der Rolle als Iron Mans Papa Howard Stark genießt die Rolle des supersmarten Weiberhelden sichtlich und auch er ist ein großartiger Sparing-Partner für Peggy, an der sein gewinnender Charme vollkommen abperlt.
Insgesamt hat man hier jede Menge Gelegenheiten genutzt, um das Marvel Cinematic Universe weiter spannend anzureichern: Der Zuschauer bekam einen Einblick in das „Black Widow“-Programm, welches später zum Schicksal von Nathasha Romanova werden sollte und mit dem zwielichtigen Dr. Ivchenko kommt ein Charakter ins Spiel, welcher einen direkten Zusammenhang zu den späteren Ereignissen aus Captain America: Winter Soldier knüpft. Andere Randfiguren wie die Howling Commandos kamen im Lauf der Staffel ebenfalls zum Zug.

Interessant ist hier, dass Agent Carter den ersten Captain America-Kinofilm in gewisser Weise rückwirkend zu einem interessanteren Film macht. Ich habe ihn mir kurz nach dem Staffelfinale noch einmal angesehen und hatte einen Riesenspaß damit. Denn die Welt, die der Film aufbaut, fühlt sich jetzt viel voller, greifbarer, lebendiger an. Die Figuren, die dort auftreten, Steve Rogers, Bucky Barnes, Peggy Carter, Arnim Zola, usw.. kenne ich nun alle etwas besser und das schraubte das Vergnügen für mich wirklich deutlich in die Höhe!
Bei Dr. Ivchenko dachte ich mir übrigens die ganze Zeit: „Woher kenn‘ ich eigentlich diesen Typen?“

Ralph Brown als  Dr. Ivchenko in "Agent Carter" (c)Marvel/ABC

Ralph Brown als Dr. Ivchenko in „Agent Carter“ (c)Marvel/ABC

Nachdem ich dann Schauspieler Ralph Brown auf der Imdb nachgeschlagen hatte, entdeckte ich: Das ist ja „85“ aus Alien 3!

Ralph Brown in "Alien 3" (c) 20th Century Fox

Ralph Brown in „Alien 3“ (c) 20th Century Fox

Außerdem saß der Mann am Steuer, als in Star Wars Episode 1 das königliche Schiff die Blockade von Naboo durchbrach und nach Tattoine flog.

Ralph Brown "Episode I - The Phantom Menace" (c)20th Century Fox

Ralph Brown „Episode I – The Phantom Menace“ (c)20th Century Fox

Marvel erreicht mit den Synergie-Effekten seines Cinematic Universe mittlerweile eine Komplexität, die bisher eigentlich erst ein Franchise je aufbauen konnte: Star Trek. 5 TV-Serien und 12 Kinofilme haben dieses Universum über 50 Jahre hinweg gefüllt, das Marvel Cinematic Universe hat es in gerade einmal 7 Jahren auf 10 Kinofilme und 2 TV-Serien gebracht, alleine dieses Jahr kommen noch einmal 2 Filme und 2 Serien hinzu. Es wird nicht mehr lange dauern, bis das Marvel Cinematic Universe die am breitesten bespielte Wiese in der Film/TV-Geschichte ist.

Viele Kinderkrankheiten aus Marvels TV-Universum findet man auch bei Agent Carter. So ist mir das beispielsweise alles noch immer zu behäbig, zu statisch, zu „televisuell“ inszeniert, was ich ja auch bei Agents of S.H.I.E.L.D. weiter bemängele. Im Zeitalter von House of Cards, Game of Thrones und Better Call Saul kann Fernsehen einfach besser aussehen, kreativer inszeniert sein und interessantere visuelle Aspekte herausarbeiten. Klar, richtet sich Agent Carter nicht unbedingt an die gleiche Zielgruppe wie die gerade aufgezählten PremiumSerien, trotzdem: In Sachen Regie verlassen sich die bisherigen Marvel-Serien weiterhin zu sehr auf einen „Brot und Butter“-Stil, der mir zu konventionell ist. Daran ändert auch Agent Carter nichts. Nehmt doch mal eine Handkamera in die Hand, sucht euch mal etwas Ausdrucksstarkere Einstellungen oder schneidet die Action ein wenig kinetischer! Umso interessanter wird es sein zu sehen, ob da vielleicht bei der NetworkABC-Seite der Hund begrabenliegt und die Netflix-Produktion Daredevil in dieser Hinsicht andere Wege einschlagen wird.

Erstmal kann ich allerdings nur sagen: Marvel, her mit der zweiten Staffel Agent Carter und zwar presto, Signores! Mittlerweile hätte ich allerdings auch irgendwie nichts dagegen, wenn ihr mal ein Projekt auch ein bisschen versemmeln würdet. Immer nur loben zu können, das macht einem Berufsmotzern wie mir ja irgendwann auch keinen Spaß mehr 😉

Bis hoffentlich bald, Peggy!(c)Marvel/ABC

Bis hoffentlich bald, Peggy!(c)Marvel/ABC

Oh and Hayley: Call me. You got my number, right? Or just hit me up on Twitter, I’m also cool with that. Don’t fight it girl. You know we’re meant to be together.

Ninja Philipp

Ninja Philipp

Redakteur at Serien Ninja
Wo immer etwas über einen Bildschirm flimmert, ist Philipp nicht weit! Wahrscheinlich kommt das daher, dass er in seiner Kindheit nicht viel fernsehen durfte. Das kommt davon, liebe Eltern! Heute konsumiert er mit Vorliebe alles, was mit Science-Fiction, Superhelden, Zombies, fiktionalen Königreichen, Robotern, Römern oder zwischenmenschlichen Problemen zu tun hat. Krimis findet er jetzt nicht so spannend, interessante Dokumentationen dafür umso mehr.
Ninja Philipp

@konsumkind

35 | Fels in Brandenburg | Hier ist nicht mal mir zum Lachen
@die_mutti Lieber mopsig als schlecht gelaunt. - 2 Stunden ago

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