Als Wir Träumten: Interview mit Joel Basman, Julius Nitschkoff und Merlin Rose

Der pulsierende Beat von Moderats ‚A New Error‘ begleitet den Zuschauer und die jugendlichen Protagonisten durch Andreas Dresens neuen Film „Als Wir Träumten“ – und fängt das Freiheitsgefühl der Ost-Jugend nach dem Mauerfall gut ein. Hauptdarsteller Merlin Rose, Joel Basman und Julius Nitschkoff sind Kinder der 90er, erst nach dem Mauerfall geboren und aufgewachsen. Auf der Berlinale trafen wir sie zum Gespräch und redeten mit ihnen darüber, ob der Freiheitsgeist nach dem Mauerfall trotzdem für sie greifbar war

Die Geschichte des Mauerfalls – hat die Euch schon immer interessiert oder erst, als Ihr für die Rollen besetzt wurdet?

Merlin: Was ich bei dieser Geschichte immer voll schade finde, dass es immer eine sehr einseitige Darstellung ist. Wenn man sich den Flughafen mal anguckt, die Mauer war das letzte erfolgreiche Berliner Bauprojekt. Schneller geht’s nicht. (alle lachen)
Julius: Stimmt, aber man redet halt nicht über den Osten und was im Osten gewesen ist, was vielleicht auch cool und was scheiße war, sondern man redet nur über diese Mauer, die auf einmal weg war und jetzt sind alle frei. Das sind sehr graue, einseitige Bilder. Und diese Bilder schreiben eben die Geschichte. Aber natürlich beschäftigt man sich damit. Gerade hier bei uns in Deutschland ist das Schulthema Nr. 1. Zweiter Weltkrieg, Mauerbau und Mauerfall, der ganze Kram. Insofern muss man sich als Jugendlicher dem Thema stellen. Und wenn man Ost-Westfamilie hat, dann ist das sowieso öfter ein Thema.

Die meisten Schauspieler in ‚Als Wir Träumten‘ sind im vereinten Deutschland aufgewachsen. Welchen Zugang hatte ihr zu den Lebenentwürfen der Jugendlichen im Osten so kurz nach der Wende?

Julius: Erstmal ist es natürlich so, dass man unglaublich viele Gespräche mit Eltern, Verwandten und Freunden führt, wo es um dieses Thema geht. Bei mir ist es so, ich wohne in einem Ost-West Haushalt, da gibts oft mal ‘ne Diskussion. Da nimmt man ‘ne Menge mit und will natürlich auch seinen Senf dazu geben. Es ist wesentlich besser, so an Informationen zu kommen, als wenn man irgendwie ein Buch liest. Im Buch, da wird eine, oder noch eine zweite Ansichtsweise dargestellt, aber in Gesprächen bekommst du mit, wie jeder die Zeit für sich erlebt hat. Es gab welche, die waren politisch aktiv und welche, die waren es nicht. Manche hatten Probleme mit der Stasi und andere, die hatten es nicht. Es gibt jene die fanden’s gar nicht so schlecht und wieder andere waren komplett dagegen und haben rebelliert. Wie mein Charakter im Film, gab es da definitiv Leute, die dagegen gekämpft haben, auf jeder Demo dabei waren und alles dafür gegeben hätten und haben, dass die Mauer fällt. So hat man dann einfach einen gewissen Zugriff auf diese Zeit.

Serien Ninja Kritik zu ‚Als Wir Träumten‘

Als wir träumten

Merlin Rose, Marcel Heupermann, Julius Nitschkoff © Peter Hartwig; Rommel Film

Und wie war der im Film dargestellte Freiheitsgeist für euch fassbar?

Merlin: Also ich konnte mir das relativ gut vorstellen. Das Vergangene, das man gewohnt war und von dem man sich eingeschränkt fühlte, wenn das auf einmal wegfällt und der erste Gedanke ist: „Boah, wir sind jetzt absolut frei und können machen, was wir wollen. Lass uns das ausnutzen!“ Ohne vielleicht zu merken, dass diese Freiheit auch Grenzen bereithält, an die man dann schmerzhaft stößt.

Wie war die Annäherung an diesen einschneiden Teil der jüngeren deutschen Geschichte für dich als Schweizer, Joel?

Joel: Schweizer hin oder her – für mich war das nicht so ausschlaggebend. Klar, es ist nach der Wende, aber wenn man nichts anderes kennt, dann geht man eben davon aus, das was man hat, das Beste ist. Heute haben Jugendliche einen Drang frei zu sein, sich von Schulen, von Vorschriften, von Systemen zu lösen, für mich ist das von der Grundenergie her sehr ähnlich. Ich hab mich mehr darauf konzentriert. Also weniger: „Oh, ich armer Ostdeutscher bin endlich frei!“, sondern vielmehr: „Jetzt kann ich wirklich machen, was ich will.“

Wie kommt es, dass du gerade so gerne für die Rolle des ostdeutschen Jugendlichen besetzt wirst? Erst in ‚Wir sind jung. Wir sind stark‘ und jetzt in ‚Als Wir Träumten‘?

Joel: Keine Ahnung. Die Dreharbeiten zu den beiden Filmen haben zweieinhalb Jahre Abstand voneinander. Das war vielmehr ein Zufall und auf jeden Fall nicht geplant.

Habt ihr selbst auch Erfahrungen mit Drogen und Gewalt gesammelt?

Merlin: Wir sind, oder waren jung. Da hat jeder seine Narben, würde ich sagen. Psychisch oder physisch.
Julius: Man wächst immer aus den Situationen, die man so erlebt. Man wächst ja nur an Aufgaben, die einen prägen. Man kann’s danach halt immer nur besser oder schlechter machen.

Die Gewalt im Film wird recht explizit gezeigt, während die Drogensucht keinen so deutlichen Ausdruck findet? Gerade, wenn es um Joels Charakter Mark geht. Woran liegt das?

Julius: Eine Schlägerei hat immer etwas Repräsentatives. Für die Nazis ist es ja direkt cool sich zu schlagen. Mit Drogen kannst du Spaß haben, aber das läuft eben eher so nebenbei. Das ist das Mittel zum Zweck, aber eben nicht der Hauptgrund. Bei einer Schlägerei ist die Intention eine ganz andere.

Joel: Ich glaube, dass es in Wirklichkeit auch genauso ist. Einer meiner besten Freunde hat einen Bruder, dem ging’s nicht gut und das ging ne Weile, bis du das wirklich auch checkst. Bis du wirklich einsiehst, dass die Person ein ernsthaftes Problem hat. Klar, Heroin gab’s damals schon. Pillen gab’s auch, aber trotzdem hatte man ja eigentlich keinen blassen Schimmer, wo genau das hinführt. Es wurde dann einfach unterschätzt. Und Gewalt – eins in die Fresse hast du auch vor 200 Jahren bekommen. Da hat sich nicht viel verändert.

Als wir träumten

Wir sind jung. Wir sind müde. ‚Als wir träumten‘ – Cast: Marcel Heupermann, Julius Nitschkoff, Frederic Haselon, Merlin Rose und Joel Basmann – © Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Joel, im letzten Kieler ‚Borowski‘ – Tatort hast Du eine sehr explizite Darstellung der Folgen von Crystal Meth auf den Bildschirm gebracht. Da sah die Darstellung von Drogensucht schon anders aus.

Joel: Das war bei „Als Wir Träumten“ aber eben auch nicht der Mittelpunkt der Geschichte. Beim Tatort ging es ganz klar darum, Crystal den Leuten mal klar zu machen, jetzt nicht à la ‚Breaking Bad‚, dass man damit viel Geld verdient, sondern, dass man in erster Linie sein Leben richtig schnell, richtig krass kaputt macht. Und aus diesem Teufelskreis der Sucht auch so schnell nicht mehr rauskommt. Einmal drin, ist es vorbei. Ekelhaftes Scheißzeug.

Was hat Euch an der Zusammenarbeit mit Andreas Dresen begeistert?

Merlin: Seine Menschlichkeit und Bodenständigkeit. Das ist echt ein Geschenk, dass er sich das in diesem Geschäft so bewahrt hat.
Julius: Andreas hat einfach alle aufgefangen und jeder war willkommen.
Joel: Ja, er ist menschlich zu den Menschen um sich. Der muss niemanden anscheißen. Er sagt, wenn ihm etwas nicht passt, aber er muss dafür niemanden anschreien. Der hat da nicht irgendeinen Ego-Notstand, über den er klarstellen muss: Ich bin der Regisseur und du bist nichts. Von Maske über Kostüm, jeder der da schon lange mit ihm dreht, ist Teil einer Familie.
Merlin: Und auch die Neuen wie wir wurden sofort in den Kreis aufgenommen.
Joel: Es wie: „Komm her, lass dich drücken.“

In Film und Fernsehen werden meist viel ältere Darsteller für die Rollen von Teenagern besetzt. Wie steht ihr dazu?

Joel: Das ist immer schon so, hab ich das Gefühl. Ehrlich gesagt, ich kann dir besser einen 18-Jährigen spielen, als ein 18-Jähriger selber, weil ich hab das Ding hinter mir. Doof gesagt, aber wahr.
Julius: Das ist natürlich auch viel angenehmer für den Regisseur, mit älteren Leuten zusammen zu arbeiten, die dann schon viel mehr Erfahrung haben. Und der Punkt ist auch noch, dass ein 17-Jähriger nur 5-6 Stunden arbeiten darf. Mit uns können sie zwei Tage und Nächte durchdrehen.
Merlin: Wir sind auch schon gesetzter. Als Teenager bist du noch sehr befangen, von tausend Dingen, bei denen du dir noch nicht sicher bist. Weiß nicht genau wo du stehst und hast dich selber noch nicht richtig gefunden.
Julius: Joel weiß wie das ist. er kann sich seine frühen Sachen jetzt angucken und hat heute einen anderen Blick drauf.

Julius, wie herausfordernd war es für dich, die Box-Szenen im Film zu drehen?

Julius: Das war auf jeden Fall der anstrengendste Dreh und die anstrengendsten zwei Drehtage, die ich je in meinem Leben hatte. Ich hatte so einen Muskelkater danach. Mein Gegenüber, der Eismann (Max Birkner) hat dieses Jahr im K-1 Boxen den Weltmeistertitel geholt. Das heißt, ich stand einem Profiboxer gegenüber. Ich mach den Kampfsport halt hobbymäßig, aber ich hab keinen Privattrainer, der jeden Morgen da steht: „Du trinkst jetzt diesen Proteinshake! Und jetzt wird sechs Stunden lang durchgeballert!“ Im ersten Moment war das schon ‘ne krasse Situation, ich bin da mit ganz schön Herzflattern in den Ring gestiegen. Wir hatten zwar schon etwas choreografiert, haben dann aber alles über Bord geworfen und geholzt, geholzt, geholzt, bis es im Kasten war. Wir wussten beide, wie weit wir gehen können. Wir wollten ja auch keinen verletzten, ist ja auch blöd. Deshalb waren es übrigens auch die letzten beiden Drehtage des ganzen Films, damit nichts schief geht und ich plötzlich mit einer krummen Nase im Film dastehe.

Merlin, Du hast die einzige Liebesgeschichte im Film abgegriffen? War der Druck für Dich ähnlich groß, wie bei Julius mit dem Boxen?

Merlin: Also die Liebesgeschichte, das ist genau der selbe Druck. (lacht)

Als wir träumten

Forever Young: Ruby O. Fee und Merlin Rose kommen sich näher. – © Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Welche Herausforderungen gab es beim Dreh noch zu überstehen?

Merlin: Der härteste Dreh für mich war die Szene, wo die Nazis den Dani zusammengetreten haben. Da haben wir um 16 Uhr angefangen und waren erst um 3 Uhr morgens fertig. Ich lag da eine ganze Nacht auf dem Boden rum.
Joel: Auch die Szenen, in denen wir randalieren. Sachen kaputt machen ist auch lustig, aber nach dem 10. Mal hast du einfach keinen Bock mehr. Dann ist das nicht mehr lustig. (lacht)

Und die Highlights?

Julius: Unsere Gruppe, eigentlich. Die wir auch nach dem Dreh noch waren. Wir sind dann einfach ins Hotelzimmer gegangen und haben weiter die Sau rausgelassen.
Merlin: Ja, auch im Dreh waren es eigentlich immer diese Momente, wenn die ganze Clique zusammen auf die Kacke haut. Das war großartig.

Jetzt habt ihr den Film auf der Berlinale vorgestellt. Das zählt doch sicherlich auch zu den Höhepunkten?

Joel: Das ist auch geil, ja. Alles erscheint wie eine unreale Blase. Nächste Woche sind wir dann alle wieder zuhause und ganz normale Menschen. (lacht)
Julius: Allein schon das Essen, immer diese kleinen Häppchen, von denen du zehn essen musst, um satt zu werden und am Ende denkt man sich: Scheiße, irgendwie hast du gar nicht wirklich was gegessen. Und diese ganzen Galas sind ja immer am Abend. Dann hast du erst noch ein Interview und bist dann fertig, und denkst, heute gehe ich früh schlafen und dann guckst du noch mal so auf den Plan: „Fuck, wir haben noch ne Gala, Jungs. Ich glaub, da müssen wir hingehen.“ Dann bist du wieder hier und guckst auf die Uhr, es ist 3 Uhr morgens und um 12 Uhr das nächste Interview.

Hattet ihr Kontakt zu anderen jungen Darstellern auf der Berlinale, zum Beispiel den jungen Talenten vom „Shooting Stars“-Programm?

Joel: Ne, die sind ja alle so extrem abgeschirmt. Die haben einen ganz strickten Plan und da gibt es kein „Ich geh mal spontan noch…“ sondern nur „Du kommst jetzt hier mal mit und hältst dich an die Regeln.“ Dagegen sind wir eigentlich ziemlich frei unterwegs.

Goodbye DDR: Chiron Elias Krase und Tom von Heymann -  © Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Goodbye DDR: Chiron Elias Krase und Tom von Heymann –
© Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Und was denkt ihr dazu, dass besonders junge Schauspieler heute immer mehr dazu motiviert werden, sich selbst auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram zu vermarkten?

Joel: Ja, irgendwann wirst du auch zur Marke gemacht. Dein Name wird zur Mark oder irgendwie so ein Scheiß. Aber ich glaube, ich spreche für uns alle. Wir versuchen uns da so ruhig wie möglich zu verhalten. Klar, kann man eine Facebook-Seite haben, eine Fanpage. Aber jetzt Menschen damit zu belästigen, wo ich jetzt gerade war, braucht kein Mensch! Ich hab auch privat kein Facebook, wozu auch? Ich meine, nutze es aus, wenn du es für dich nutzen kannst. Solange du nicht damit ausgenutzt wirst oder dich irgendwie kaputt machst.

Habt ihr neue Projekte, von denen ihr uns schon etwas verraten könnt?

Julius: Also ich bin gerade bei der Krimireihe ‚Vernau – Die siebte Stunde‘ mit Jan Josef Liefers. Es liefen bereits drei Folgen und die kamen ganz gut an.Da hab ich die Schlüsselrolle. Nicht die, die am meisten zu sehen ist, aber die Schlüsselrolle (lacht). Eine böse Rolle, eine krasse Geschichte, sehr pervers. Von Jugendlichen und wie es da zur Sache geht, aber ich kann nicht zu viel verraten.

Joel: Ich habe noch zwei Kinofilme, die kommen jetzt raus. Ein dänischer Film, ‚Land of Mine‘ ( ‚Unter dem Sand‘; Anmerk. d. Red.). Es geht um Kriegsgefangene, die Dänemark von den deutschen Mienen befreien müssen. Und der andere Film heißt ‚Amnesie‘ und erzählt die Geschichte von einem Techno-DJ, der in den 90ern nach Ibiza geht, mit seinem Kumpel und dort die große Liebe findet. Ich bin der Kumpel, Max Riemelt spielt die Hauptrolle. Mit Marthe Keller und Bruno Ganz. Regie hat Barbet Schroeder geführt, ein alteingesessener Regisseur, der zum Beispiel die Charles Bukowski Verfilmung ‚Barfly‘ mit Mickey Rourke gemacht hat und eine unglaubliche Dokumentation über den Diktator Idi Amin, die damals für richtig viel Aufsehen gesorgt hat. Ein krasser alter Hase. Das war ganz spannend. Der ist über 80 und zieht sein Ding richtig krass durch.

Ninja Nora

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Autor at Serien Ninja
Die Seriensucht hat für Nora mit Buffy, Charmed und The O.C. angefangen. Damals noch deutsch synchronisiert, heute nur noch im englischen Original. Was für eine Generation davor die alten Star Wars Filme bedeuten, ist für sie die Lord of the Rings-Trilogie. Wählt ihre Serien gerne anhand von geliebten SchauspielerInnen aus. Zur Zeit gehören "Game of Thrones" und "The Originals" zu ihren Favoriten.
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