Berlinale 2015: ‚Härte – Tough Love‘ (Panorama Spezial)

Man muss Rosa von Praunheim`s Spielfilme (‚Die Bettwurst‘; 1971) nicht mögen, aber eines steht fest: Dokumentationen kann er. Wer sich ‚Die Jungs vom Bahnhof Zoo‘ (2011) über die Berliner Stricherszene angeschaut hat, der weiß, dass der Filmaktivist sich unangenehmen Themen auf ganz besondere Art zu nähern weiß. Können nicht viele. Rosa schon.

In Rosa von Praunheim`s Berlinale Beitrag ‚Härte – Tough Love‘, einem Doku-Biopic über den ehemaligen Berliner Luden Andreas ‚Andy‘ Marquardt, versucht sich der Regisseur an einer Mischung aus klassischer Dokumentation und szenischem Spiel. Während Marquardt und seine heutige Ehefrau und frühere Geliebte, ergo auch Geldbeschafferin im horizontalen Gewerbe Marion Erdmann den erzählerischen Doku-Rückblick stellen, rekapitulieren die grandios besetzten Hauptdarsteller Hanno Koffler als der junge Andy und Luise Heyer als seine Gespielin in beklemmenden Schwarz/Weiß Montagen die ‚wilden Jahre‘ des einst härtesten und brutalsten Zuhälters Berlins. „Ich habe keine Gefühle zugelassen. Ich war ein eiskalter Typ, ein Block, mir war alles scheißegal“, so der gealterte Marquardt, der es mit seiner Leidenschaft für den Karate Kampfsport bis zum Weltmeister seiner Gewichtsklasse gebracht hat, über seine „wilden“ Jahre. Das klingt aus heutiger Sicht erst einmal albern, nimmt aber im Laufe der Geschichte und Geschehnisse bitterböse Gestalt an.

Die junge Marion (Luise Heyer) und die "alte" Marion Erdmann.

Die junge Marion (Luise Heyer) und die „alte“ Marion Erdmann.

Vom Vater schon als Kleinkind brutal körperlich misshandelt, begann in der Folge die alleinerziehende Mutter, erschreckend glaubwürdig in der Rolle Kathy Karrenbauer (Hinter Gittern; Dschungelcamp), ihren sechsjährigen Sohn sexuell zu missbrauchen. Bei diesen Szenen bildet die Kamera den Blick des Jungen Alexander ab, der seine lüsterne Mutter erst streichelnd, später dann mit Riesendildos und der eigenen jugendlichen Männlichkeit befriedigen muss. „Er habe in alle Löcher der Mutter was reingesteckt“, so Marquardt in der Rückschau „und es hat mir Spaß gemacht. Es hat mich gefreut meine Mutter glücklich zu sehen.“ Dass es ihm mit Jahren immer weniger Spaß machte, bis hin zum Würgereiz bei der Vorstellung an die Mutter, wird im Laufe des Filmes deutlich. Obwohl man von dem Missbrauch natürlich nur Andeutungen – wenn auch, wie von RvP gewohnt, sehr explizite und freizügige – serviert bekommt, kann man einen Ekel aufgrund des Gesehenen nicht verbergen. Wie alle nachgestellten Szenen hat sich Regisseur Praunheim für etwas abstrakte, theatereske Kulissen entschieden, welche das bizarre Element der Geschichte wunderbar einrahmen. Ein wenig erinnert das in seinem Surrealismus an die, von Salvador Dali entworfenen, Kulissen des Hitchcock Films ‚Spellbound‘. Und auch der Gedanke an die Sitcom Szenen aus Oliver Stones Meisterwerk ‚Natural Born Killers‘ (ohne Konserven Lache, stattdessen mit breiter Berliner Schnauze) kommt bei den gespielten Szenen drängt sich mir auf. Gerade wenn die nichts ahnenden (oder naiven) Großeltern bei denen der kleine Alex und seine Mutter wohnen, nichts von den Widerlichkeiten und Intrigen der Mutter gegen ihren Sohn mitbekommen haben wollen.

Hanno Koffler als junger Andreas 'Andy' Marquardt und Kathy Karrenbauer als seine Mutter.

Hanno Koffler als junger Andreas ‚Andy‘ Marquardt und Kathy Karrenbauer als seine Mutter.

Trotz der sehr glaubwürdigen Darsteller geht in den gespielten Szenen allerdings etwas verloren, nämlich wie brutal und rücksichtslos Marquardt in seiner Hochphase zu Werke ging. Wer Millionen mit Prostitution macht, der ist sicherlich nicht zimperlich. Das kommt in den gestellten Parts nicht immer so extrem zur Geltung. Auch die Interviewszenen mit der realen Marion vermitteln den Eindruck, dass das alles nicht so schlimm gewesen ist. Sie lernte ihren Andy mit 16 kennen, er hielt sie zwei Jahre bei der Stange, um sie dann mit 18 auf den Strich zu schicken, was diese im Übrigen ohne große Gegenwehr tat. Das leichte Beben der Unterlippe von Marion, wenn sie von damals erzählt, lässt erahnen, dass sie noch heute an einigen Dingen zu knabbern hat. Das sie dennoch die Fähigkeit aufbringt diesem Mann zu verzeihen, zeugt wohl von echter, für den Zuschauer schwer nachvollziehbarer, Liebe. Liebe für einen Mann, der sie anschaffen schickte. Der sie verprügelte, wenn die Freier-Quote nicht stimmte. Ein Mann der nebenher noch ein Dutzend weiterer Frauen am „Laufen“ hatte. Dass sie so einem Typen bis heute die Treue hält, sogar den Lebensabend mit ihm verbringt, ist für mich nur schwer zu verstehen. Aber gerade, weil es sich eigentlich nicht erklären lässt, ist ‚Härte – Tough Love‘ ein absolut sehenswerter Film. Heute, nach vielen Jahren im Gefängnis, gilt Andreas Marquardt aus Sicht der Gesellschaft als resozialisiert. Er betreibt mehrere Fitness Studios und unterrichtet Kinder im Karate. Wie sagt eine Mutter auf Nachfrage, ob die Vergangenheit des Karate Lehrers ihres Kindes sie nicht störe: „Jeder Mensch hat mehrere Chancen verdient“. Glücklich kann sein, wer auch nur eine bekommt.

Mehr über Alexander Marquardt`s kriminelle Vergangenheit:

Ninja Tim
Tim`s Serienkarriere begann in den 1980er Jahren mit »Ein Colt für alle Fälle«, »Simon & Simon«, »Trio mit 4 Fäusten«, »Miami Vice«, »Matlock« und den ZDF Weihnachtsserien »Silas« und »Jack Holborn«. Zu seinen Favoriten zählen »The Walking Dead«, »True Detective«, »Modern Family«, »Deadwood«, »Law & Order«, »King of Queens«, »The Wire«, »The West Wing« und »The Newsroom«. Aktueller Favorit: »The Strain«

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