Berlinale 2015: Virgin Mountain, Are You Here (Berlinale Special Gala)

Das Leben darzustellen, so wie es ist, ist eine filmische Herausforderung. Manche Regisseure tun sich schwer daran und manche haben genau das richtige Gefühl dafür, Alltägliches bewegend zu erzählen. Der isländische Regisseur Dagur Kári schafft es mit seinem Film „Virgin Mountain“, während sein Kollege Matthew Weiner genau daran mit „Are You Here“ scheitert.

Virgin Mountain

Hauptdarsteller Gunnar Jónsson hat den Durchblick - © Rasmus Videbæk

Hauptdarsteller Gunnar Jónsson hat den Durchblick – © Rasmus Videbæk

Was am meisten berührt, sind oft Filme über das einfach Leben und über einfache Menschen. Der isländische Regisseur Dagur Kári legt mit ‚Virgin Mountain‚ eine wunderbare Charakterstudie hin. Sein Protagonist Fúsi (Gunnar Jónsson), ein großer und übergewichtiger Mann, wohnt mit Mitte 40 immer noch bei seiner Mutter im Haus. Schnell nimmt der Zuschauer an Fúsis liebevoll inszenierten täglichen Routinen Teil, vom Cornflakes-Frühstück vor der Arbeit bis zum Pad Thai bei seinem Lieblingsrestaurant abends. Den Abend lässt er dann mit einem Musikwunsch im Metal-Radio ausklingen, der Moderator wartet stets auf seinen Anruf. Als der Freund seiner Mutter ihm dann einen Gutschein zu einem Line Dancing Kurs schenkt, kommt die Geschichte zuerst widerwillig, dann aber ganz von selbst ins Rollen. Denn dort lernt er die quirlige Sjöfn (Ilmur Kristjánsdóttir) kennen. Die Routinen brechen auseinander, statt Metal ist Dolly Parton als Musikwunsch an der Reihe. Der Film zeigt, wie sich ein Leben ganz langsam, eben Stück für Stück verändert und beleuchtet, dass nicht immer alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Gunnar Jónsson glänzt in der Rolle als Fúsi, er ist zwar sehr schüchtern und wirkt deswegen auf den ersten Blick einsam und auch ein wenig seltsam, doch er entpuppt sich als ein Fels in der Brandung und guter Mensch, durch und durch. Selten schafft es ein Film, in der einen Szene den ganzen Kinosaal zum Lachen zu bringen und in der nächsten zu Tränen zu rühren. Aber Gunnar Jónsson in „Virgin Mountain“ schon. Das Drehbuch hatte Dagur Kári extra für ihn geschrieben, und er wusste, dass der Film mit der Zusage des Darstellers steht oder fällt. Vom trockenen Humor bis zu den rührenden Moment, hat er hier alles richtig gemacht.

Are You Here

Zach Galifianakis in James Bridges 'You Are Here' - © You Are Here Films, LLC

Zach Galifianakis in ‚You Are Here‘ – James Bridges © You Are Here Films, LLC

„Nobody believes in friendships anymore. It’s actually a lot rarer than love, because there’s nothing in it for anybody.“ Da ist etwas dran. Eine richtig tiefe Freundschaft, echt und ehrlich, ist selten. Füreinander da zu sein, einfach nur so, vielleicht ein ganzes Leben lang, ist für viele ein zu großes Opfer. Denn man steuert schließlich nicht auf eine gemeinsame Zukunft zu, auf ein Haus, Kinder und eine Familie, wie man es mit der großen Liebe macht. Aber wenn einer die nicht gefunden hat? Wenn Ben (Zach Galifianakis) zur Beerdigung seines Vaters seinen besten Freund Steve (Owen Wilson) mitbringt, wird er von seiner Schwester (Amy Poehler) angefahren, wie unangemessen das doch sei. ‚Are You Here‘ thematisiert den Wert von Freundschaft in der heutigen Gesellschaft. Es könnte ein guter Film sein, wäre der Humor nicht so platt und die Pointen vorhersehbar. Wären die Szenen, in denen dann mal geflirtet wird, nicht so furchtbar kitschig. Und würde Owen Wilson nicht… naja, eben irgendwie Owen Wilson spielen. Der Regisseur und Drehbuchautor Matthew Weiner, der Creator von Mad Men, trommelte noch einmal das Team der Serie zusammen, um diesen Film zu produzieren. Bei der Premiere im Kino International, dem in den 60er Jahren erbauten Filmsaal mit goldenem Glitzervorhang, den selbst Betty Draper seiner Meinung nach lieben würde, fühlte er sich an die glamourösen Zeiten von Mad Men erinnert. Dennoch versprach er, einen Film zu zeigen, der ganz anders und sehr „real“ sei. Da teilen sich die Meinungen, denn für mich wirkte ‚Are You Here‘ wie eine glänzende Hollywood-Variante in knallbunten Farben mit Happy End, fernab vom echten Leben.

Ninja Nora

Ninja Nora

Autor at Serien Ninja
Die Seriensucht hat für Nora mit Buffy, Charmed und The O.C. angefangen. Damals noch deutsch synchronisiert, heute nur noch im englischen Original. Was für eine Generation davor die alten Star Wars Filme bedeuten, ist für sie die Lord of the Rings-Trilogie. Wählt ihre Serien gerne anhand von geliebten SchauspielerInnen aus. Zur Zeit gehören "Game of Thrones" und "The Originals" zu ihren Favoriten.
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