Bloodline – Staffel 1: Knietief im Sumpf der Rayburns

Im Serien-Drama „Bloodline“ kommt es zum Familienduell am Strand der Florida Keys. Kann die Netflix-Produktion auf hohem Niveau mitspielen oder verkommt sie zu „Dallas unter Palmen“ – ein (spoilerfreies) Fazit nach der ersten Staffel!

Die Florida Keys sind ein faszinierender Ort. Denn der „Paradies auf Erden“-Eindruck ist hier erstmal schon ziemlich gewaltig, fährt man über diese gigantischen Highway-Brücken, über die man eben fahren muss, um die Inselgruppe an der Südküste Floridas zu erreichen. Um einen herum nur türkisblaues Wasser und das gelegentliche Tüpfelchen Insel, meistens gesäumt von Palmen und grünen Mangroven-Wäldern. Sandstrände, Delfine und das alles in der ersten Welt von Amerika, wo man vordergründig keine armen Einheimischen aktiv ausblenden muss, um die tropische Pracht guten Gewissens genießen zu können. Da kann man schon ins schwelgen geraten, wie ich aus eigener Reiseerfahrung berichten kann.

Doch kuckt man ein wenig genauer hin, ist auf den Keys der schmierige, schwitzige Untersatz so vertreten, wie er auch im Rest Floridas ständig subtil präsent ist. Hinter jedem weißen Traumstrand liegt nicht weitab ein sumpfiger Matsch, mit allerlei Gekröse drin, in das man besser nicht reintreten möchte.

Das Familiendrama Bloodlines suhlt sich nahezu in dieser Dualität. Im Mittelpunkt der von Netflix produzierten Serie steht die Familie Rayburn, die auf den Keys ein Familienhotel führt und ein nahezu royales Ansehen bei den Inselbewohnern genießt. Die Eltern Robert (Sam Shepard) und Sally (Sissy Spacek) kümmern sich mit Hingabe um ihr Etablissement, die erwachsenen Kinder John (Kyle Chandler), Megan (Linda Cardellini) und Kevin (Norbert Leo Butz) haben in Familiennähe ihre eigenen Karrieren aufgebaut. Nur der älteste Sohn Danny (Ben Mendelsohn) gilt als Problemfall und ist als einziger Rayburn-Spross von den Keys geflohen. Doch anlässlich einer Familienfeier steht Danny auf einmal wieder vor der Tür. Sein Erscheinen setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, deren Ursache bis tief in die Vergangenheit und die dunklen Geheimnisse der Rayburn-Familie zurückreicht.

Was ist das Beste an „Bloodline – Staffel 1“?

Da lässt sich Einiges aufzählen: Für mich liegt die größte Stärke dieser 13 Folgen darin, dass es sich Bloodline in der Charakterisierung seiner Figuren nie einfach macht. Auch wenn TV-Dramen in den vergangenen Jahren in Sachen Komplexität, was Figuren angeht, zugelegt haben, so wird doch noch sehr oft in das übliche „Protagonist – Antagonist“-Schema aufgeteilt. Das entfällt bei Bloodline über weite Strecken völlig. Die Serie nimmt sich eine Menge Zeit, um die Mitglieder dieser Familie und ihre Beziehungen zueinander aufzubauen und dabei sehr nachvollziehbar zu sezieren, wer und warum diese Leute sind, wie sie sind. Jeder Rayburn bekommt im Laufe der Staffel seine Charaktermomente und das Figurengeflecht wird immer weiter behutsam aufgedröselt. Dabei gibt es Zeitsprünge, Traumsequenzen, intime Charakter-Momente – da wird das ganze Register gezogen.

Die Serie spielt dabei auch sehr geschickt mit der Wahrnehmung des Zuschauers. Urteilt man in Folge Eins noch einen Charakter relativ direkt und eindeutig ab, wird diese Sichtweise im Lauf der Staffel mehrere Male gekippt. Am Schluss lässt sich kein Mitglied der Rayburn-Familie in die Lager „Gut“ oder „Böse“ einordnen. Es sind einfach Menschen und damit mit allerlei Fehlern und Schwächen behaftet, die aber alle auch ihre Erklärung in ihrer Biografie haben. Und wie diese Biografie langsam entfaltet wird, ist interessant, vielschichtig und lässt trotzdem immer noch genug Interpretationsspielraum offen, um sich als Zuschauer sein eigenes Urteil zu bilden. Auch wenn sich Danny Rayburn, das vermeintlich schwarze Schaf der Familie, im Laufe der Staffel zu einer Art Gegenspieler seiner drei Geschwister entwickelt und wohl die Sympathie der meisten Zuschauer gegen Ende weitgehend verspielt hat, die Gründe für seine Haltung bleiben immer nachvollziehbar. Und am Ende wird keine einfache Antwort gegeben, wer hier jetzt „schuldig“ war. Wäre ich in der Situation der Rayburn-Geschwister – ich wüsste nicht, wie ich gehandelt hätte. Von dieser komplexen, erwachsenen Figurenentwicklung können sich so manch andere TV-Dramas eine Scheibe abschneiden.

Schwieriges Vater-Sohn Verhältnis: Robert (Sam Shepard) und Danny (Ben Mendelson (c)Netflix

Schwieriges Vater-Sohn Verhältnis: Robert (Sam Shepard) und Danny (Ben Mendelson (c)Netflix

Natürlich steht und fällt eine erfolgreiche Figurenentwicklung auch mit den schauspielerischen Leistungen und hier liegt die zweite große Stärke der Serie: Bloodline bietet eine erstklassige Ensemble-Besetzung, wo wirklich alle Teile des Puzzles ganze Arbeit leisten. Kyle Chandler (bekannt aus Friday Night Lights, Grey’s Anatomy oder The Wolf of Wall Street) als das vernunftgetriebene und vermeintlich moralisch integre Sandwich-Kind, Sam Shepard (Homo Faber, August Osage County) als der dominante, fehlbare Familienpatriarch, Ben Mendelson als der tragische Fuck-Up der Familie – das ist zielgenaues Casting, das voll ins Schwarze trifft. Begeistert hat mich auch Linda Cardellini (Mad Men, Emergency Room), die als Meg Rayburn beweist, was für eine ausdrucksstarke Darstellerin sie ist. In ihrem Gesicht kann man ganz viel lesen, ohne dass sie dafür in Over-Acting verfallen muss.

Dann hat man mit Chloe Sevingy als leicht verwelktes Barmädchen und Glenn Morshower als sinistren Angelladenbetreiber mit schwerkriminellem Nebenverdienst auch noch exzellent gespielte Randfiguren am Start, um nur zwei Beispiele herauszupicken. In Sachen Besetzung hat „Bloodline“ wirklich volle fünf Sterne verdient.

Was ist das Schwächste an „Bloodline – Staffel 1“?

Wie gerade schon ausführlich beschrieben – was Bloodline sehenswert macht, ist die komplexe Figurenzeichnung und die Art, wie sich dieses tragische Geflecht über den Staffelverlauf, untermauert durch exzellentes Schauspiel, ausbreitet. Doch ach! – wäre die Serie doch nur etwas selbstbewusster, wenn es um ihre Stärken geht! Leider fühlten sich die Macher der Serie aber offenbar dazu genötigt, den Zuschauern ein ständiges „Teasing“ unterzujubeln. Das fängt schon ab der ersten Folge an, in der Bloodline direkt mehrere „Flash-Forwards“ einbaut und damit das Finale der Staffel in entscheidender Weise verrät. Klar war das sicher als dramatischer Kunstgriff gedacht und sollte wohl vermitteln: Hier ist der Weg das Ziel. Doch mir persönlich wäre es viel lieber gewesen, nicht zu wissen, wie dieser Familienzwist ausgeht. Das hätte mein Seh-Erlebnis noch einmal packender gemacht, statt am Anfang ziemlich entscheidende Ausgänge direkt serviert zu bekommen. Ähnliche Kunstgriffe versuchten schon TV-Dramas wie etwa True Detective oder Showtimes The Affair in jüngerer Vergangenheit, waren dabei aber deutlich erfolgreicher. Da kommt der Eindruck auf, die Macher hätten Angst gehabt, ihre Serie wäre nicht spannend genug und müssten daher dem Zuschauer ständig eindringlich klarmachen, dass hier bald noch was ganz Schlimmes passieren wird. So muss Kyle Chandler in jeder Folge mittels kitschig überdramatischem Voice-Over versichern, dass hier wirklich was ganz gehörig schiefgelaufen ist/sein wird. Als ob der Zuschauer das nicht selbst entdecken könnte! Falls man dadurch das Publikum locken wollte, dass nur dranbleibt, um sich an der zu erwartenden „Mord und Totschlag“-Eskalation zu ergötzen, so ist dieser Plan mit Sicherheit nicht aufgegangen. Diesen missglückten Kunstgriff hätte man sich sparen können.

Warten auf den großen Knall: Sally (Sissy Spacek), Meg (Linda Cardellini) und Kevin (Norbert Leo Butz) (c)Netflix

Waren auf den großen Knall: Sally (Sissy Spacek), Meg (Linda Cardellini) und Kevin (Norbert Leo Butz)

Außerdem hätte ich mir tatsächlich gewünscht, dass Bloodline als Anthology-Serie angelegt worden wäre und die Geschichte nach dieser Staffel auch zu Ende gewesen wäre. Ich hätte mir das gerne als in sich abgeschlossenen 12-Stundenfilm ins Regal gestellt, zumal man es von der Handlung her auch wunderbar derart hinbiegen hätte können. Mit True Detective und Fargo wurde erst vor kurzem bewiesen, wie effektiv dieses Konzept sein kann. Bloodline“muss aber zuletzt doch noch einige Fragen aufwerfen und einen Cliffhanger anbieten. Was jetzt nicht schlimm ist, aber eben auch nicht nötig. So geht es jetzt also weiter mit der Rayburn-Saga, Staffel 2 hat bereits grünes Licht. Na gut. Ich werde schon dranbleiben. Aber eigentlich sind meine Fragen zum allergrößten Teil beantwortet und ich hätte es gerade schön gefunden, es bei diesem nicht ganz eindeutigen Ende zu belassen.

Wer sollte sich „Bloodline – Staffel 1“ ansehen?

Alle, die mal wieder ein gut und komplex geschriebenes TV-Drama sehen wollen, was sich außerhalb der Genre/Fantasy-Ecke austobt. In dem eben keine Untoten/Drachen/Roboter im Mittelpunkt stehen, sondern echte Menschen, mit nachvollziehbaren Menschenproblemen. Die freilich TV-gerecht dramatisiert werden, ohne dass dabei aber der in der Familiendynamik verborgene Kern des Dramas aus den Augen verloren wird.
Ich würde Bloodline vor allem als „Pärchen-Serie“ empfehlen. Genau das Richtige, um sich abends mit dem/der Liebsten auf dem Sofa einzukuscheln, ins sonnige Süd-Florida zu entfliehen und dann gemeinsam darüber zu streiten, auf der Seite welches Rayburn man den jetzt eigentlich genau steht und wie das alles weitergeht. Da könnten sich interessante Ansichten auftun. Gleichzeitig wird auf blutige Schocker verzichtet und die Serie bleibt packend ohne gleichzeitig so nervenaufreibend zu sein, dass man hinterher nicht mehr schlafen kann. Wer also einen Partner hat, der mit Zombies, Superhelden und all dem Geek-Kram einfach nicht zu locken ist, dem sei Bloodline als zweisames Fernseherlebnis hiermit wärmstens empfohlen. Alleine machts aber natürlich auch Spaß.

Wie konnte es nur soweit kommen? - fragt sich John (Kyle Chandler)(c)Netflix

Wie konnte es nur soweit kommen? – fragt sich John (Kyle Chandler)

Wer sollte sich „Bloodline – Staffel 1“ nicht ansehen?

Ungeduldigere Geister, die nicht ohne Action, Krimi oder schnellen Handlungsverlauf unterhalten werden. Denn über weite Strecken ist Bloodline das, was man im Amerikanischen so schön einen „Slow Burn“ nennt. Wer in Folge 3 schon ungeduldig auf dem Sitz herumrutscht und sich fragt „Wann passiert denn jetzt endlich mal was?!?“ ist hier falsch. Die charaktergebtriebene Handlung verlangt erst einmal Sitzfleisch und dreht die Schraube stetig, aber langsam zu. Vielen wird das wohl nicht flott genug gehen. Und das ist ja auch nicht schlimm, sondern lediglich eine Geschmacksfrage. Nur mit dieser Serie wird man dann wohl nicht glücklich werden.

Was gibt es sonst noch zu „Bloodline – Staffel 1“ zu sagen?

Dass die Serie ein erneutes Zeichen dafür ist, dass Netflix mittlerweile ein mehr als ernstzunehmender Player in Sachen Quality-TV geworden ist. Und House of Cards nicht nur eine Ausnahmeerscheinung ist, die man sich eben aus Prestige-Gründen leistet. Bloodline hätte genauso auf HBO oder Showtime laufen können, das ist das Niveau, auf dem hier gespielt wird. Budget, Skript, Regie und Besetzung lassen hier auch für den mittlerweile wirklich verwöhnten QualityTV-Fan keine Wünsche offen.

Bloodline -Staffel 1 ist seit dem 20. März auf Netflix verfügbar, sowohl in deutscher Synchronisation, als auch im englischen Originalton.

Ninja Philipp

Ninja Philipp

Redakteur at Serien Ninja
Wo immer etwas über einen Bildschirm flimmert, ist Philipp nicht weit! Wahrscheinlich kommt das daher, dass er in seiner Kindheit nicht viel fernsehen durfte. Das kommt davon, liebe Eltern! Heute konsumiert er mit Vorliebe alles, was mit Science-Fiction, Superhelden, Zombies, fiktionalen Königreichen, Robotern, Römern oder zwischenmenschlichen Problemen zu tun hat. Krimis findet er jetzt nicht so spannend, interessante Dokumentationen dafür umso mehr.
Ninja Philipp

@konsumkind

35 | Fels in Brandenburg | Hier ist nicht mal mir zum Lachen
@FrauBirne ✊🏻✊🏻 - 1 Stunde ago

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Wo immer etwas über einen Bildschirm flimmert, ist Philipp nicht weit! Wahrscheinlich kommt das daher, dass er in seiner Kindheit nicht viel fernsehen durfte. Das kommt davon, liebe Eltern! Heute konsumiert er mit Vorliebe alles, was mit Science-Fiction, Superhelden, Zombies, fiktionalen Königreichen, Robotern, Römern oder zwischenmenschlichen Problemen zu tun hat. Krimis findet er jetzt nicht so spannend, interessante Dokumentationen dafür umso mehr.

3 Comments

  • Antworten April 9, 2015

    Oliver Eichhorn

    Ziemlich genau meine Meinung. Die Serie ist toll, nur die Flash-Forwards sind wirklich überflüssig und nehmen am Ende ein Spannungselement weg.

    • Antworten April 15, 2015

      Ninja Phil

      Der Mann hat Geschmack 😉
      Danke für den Kommentar, Oliver!

  • Antworten August 6, 2016

    Patrick Be

    Bin gerade auf den Keys und frage mich die ganze Zeit, auf welcher Insel egtl die Rayburns ihr Hotel haben… Naja, der Traum ist hier genauso wie in der Serie. Traumschön, aber hinter jeder schönen Ecke findet man auch die Abgründe…

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