Die kleine Genrefibel – Teil 1: Zeitreiseplots – Der aussichtslose Kampf gegen die Logik

In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL hat es sich unser Gastautor Christian Hempel von der Traumfalter Filmwerkstatt zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des phantastischen Films vorzustellen. Eine Aufgabe, die ihn nach eigener Aussage bis weit nach seinem Lebensende beschäftigen wird. Er legt im Besonderen den Fokus  auf Dramaturgie und Buch, wird sich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen. Im ersten Teil unserer neuen Gastreihe geht es um das Thema Zeitreise. Wer mehr über Christian und seine Mission erfahren möchte, schaut unten in die Autorenbox. Über Kommentare freut er sich, ebenso wie wir. Viel Spaß!

Zeitreiseplots – Der aussichtslose Kampf gegen die Logik

Unsere universelle Zeitkoordinate ist 2013-03-30T17:33:41+01:00, wir befinden uns im Science-Fiction-Sektor. Die Themenfelder, die das Genre Science-Fiction tangieren, reichen von Zukunftsvisionen wie Utopien & Dystopien, Aliens, apokalyptische Weltuntergangsszenarien bis hin zu Geschichten über künstlicher Intelligenz und menschenähnliche Roboter. Wenn der Science-Fiction-Film Subgenre hat, und im Vergleich zum Horrorfilm ist das nicht immer eindeutig, so definieren die sich über diese Themenfelder und bilden so Spielarten wie Dark Future, Robots, Alien Invasion, Cyberpunk, Postapokalypse, Military-Geschichten, First Contact, Sci-Fi-Horror & Science-Fantasy oder Space Opera. Die beliebtesten Variationen einer wissenschaftlichen Erzählung aber sind Plots, die sich mit der Frage der Unveränderlichkeit und Unaufhaltsamkeit der Vierten Dimension beschäftigen: Zeitreisegeschichten.

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Aber so ganz eindeutig lässt sich das Thema Zeitreisen nicht als Subgenre definieren Warum? Weil sich beim Science-Fiction-Film die Story (also beispielsweise Postapokalypse) stärker auf das Subgenre auswirkt als die Inszenierung (zum Beispiel Survival Horror). So kommt es, dass man Zeitreiseplots in allen möglichen Genre und Subgenre erzählen kann. Ein Zeitreiseplot wie in dem Sci-Fi-Actionfilm TERMINATOR ist genauso möglich wie eine Komödie BILL & TED ́S VERRÜCKTE REISE DURCH DIE ZEIT oder ein Horrorfilm a la TRIANGLE. So handelt es sich bei Zeitreisegeschichten zwar um ein irgendwie anerkanntes Subgenre, ist aber viel mehr ein Crossover mit anderen Gattungen. Gleichzeitig muss man feststellen, um Abgrenzung und Definition zu verfeinern, dass Zeitreisegeschichten auch immer Geschichten von Paralleluniversen sind (es sei denn, mir beweist jemand das Gegenteil). Aber nicht jede Geschichte um ein Paralleluniversum ist auch gleichzeitig eine Zeitreisegeschichte. Eine dramaturgische und Genrekonforme Einordnung ist mindestens so schwierig wie eine Zeitreise selber. Denn man könnte noch detaillierter auf das schauen, was Zeitreiseabenteuer im Kern ausmacht. Ich würde Zeitreisegeschichten in zwei Lager einteilen, aber auch das ist schwierig zu definieren. Auf der einen Seite gibt es Zeitreisegeschichten (beispielsweise der Klassiker THE TIME MACHINE oder auch STAR TREK 4), die sich mit einer Zeitreise als solche beschäftigen und einen gewissen Fakt ausklammern. Filme wie ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT, TIMECRIMES oder DIE TÜR legen den dramaturgischen Fokus stärker auf die Auswirkungen einer Zeitreise auf die Figuren und die Zeit, aus der sie kommen. Eine Reise in die Zukunft wie in THE TIME MACHINE oder ARMEE DER FINSTERNIS hat weniger Konsequenzen auf die Struktur der Geschichte als eine Zeitreise wie in THE BUTTERFLY EFFECT. Zeitreisen und Konsequenzen von Zeitreisen sind zwei verschiedene Dinge.

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Denn dann kann etwas passieren, was ziemlich ungewöhnlich erscheint. Wenn sich eine Geschichte mit den Auswirkungen einer Zeitreise beschäftigt, kann sie sich streng genommen von vielen Regeln abkoppeln. Sie muss keinen Normen von Science-Fiction-Filmen entsprechen, sie muss noch nicht einmal als Zeitreisegeschichte wahrgenommen werden. Aus diesem Grund halte folgenden Film für eine der gelungensten Variationen eines Zeitreiseplots:

GROUNDHOG DAY – UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER 

Im Grunde findet in GROUNDHOG DAY eine Zeitreise statt, ohne dass es jemanden interessiert, wie und warum. Der Plot ist deswegen kein bisschen weniger fassbar, geschweige denn unspannend. Phil Conners wacht 24 Stunden nach dem berühmten Murmeltiertag in seinem Hotelbett auf und befindet sich einen Tag in der Vergangenheit, muss diesen Tag wieder und wieder durchleben. Und damit macht Phil genau das durch, was andere Charaktere in Zeitreisefilmen auch durchmachen müssen. Mehr noch, er durchlebt eine ganze Palette von Zeitreisekonsequenzen. Wenn eine Figur in einer Geschichte beginnt, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinander zu setzen, Gefahren und Fehlern aus Erfahrung aus dem Weg zu gehen, wenn man bemerkt, dass das eigene Handeln keine Folgen hat, durchlebt diese ein unglaubliches Spektrum von Gefühlen, Aktionen und Reaktionen, was Figuren in Zeitreiseplots eigentlich grundsätzlich reizvoll macht. Je mehr Phil Conners aus dem einen Tag, den er wieder und wieder ertragen muss, lernt, umso größer wird sein Selbstbewusstsein, sein Handeln, auch seine Arroganz. Die Figur Phil Conners macht während der Filmhandlung von GROUNDHOG DAY so viele charakterliche Veränderungen durch wie ein Dutzend andere Filmfiguren. Das ist unglaublich spannend, zumal in diesem Konstrukt die Zeitreise als solche auch niemanden interessiert.

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A History Of Time Travel In Films, Quelle: http://visual.ly/history-time-travel-films

 In Sachen Zeitreisekonsequenzen spart GROUNDHOG DAY eigentlich nur eine einzige Sache aus. Die jedoch ist der Motor von einer ganzen Reihe anderer Zeitreiseplots. Mehr noch, sie ist im eigentlichen Sinne, wie ich finde, die Geißel des Autors. Phil Conners hat sich an den Murmeltiertagen mit so vielen Dingen auseinander zu setzen, seinen Mitmenschen, Dinge, die passieren, etc. Nur nicht mit sich selbst. Denn im Gegensatz zu Filmen wie ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT besitzt GROUNDHOG DAY einen stark konstruierten Zeitreiseplot. Sobald sich Autoren daran machen, eine Zeitreise in all ihren logischen Konsequenzen zu entwickeln, stoßen sie genau wie ein Zeitreisender auf das unvermeidliche Problem des Paradoxons. Ich denke mal, dass jedem grob das Zeitreiseparadoxon ein Begriff ist. Was, wenn ich in die Vergangenheit reise und meinen Großvater umbringe? Existiere ich dann noch? Selbst diese oft zitierte Phrase fängt das Problem Zeitreiseparadoxon nur in einem Einzelbeispiel ein. Denn eigentlich beginnt das Paradoxon bereits mit der Ankunft eines Zeitreisenden in einer Zeit, in der er selbst lebt und sich eventuell begegnet. Bei so einer Begegnung müsste im Gehirn des Zeitreisenden eigentlich auch diese Erinnerung an sich selbst gespeichert sein. Doch mit diesem frühen Paradoxon, für das es nicht gleich einen Mord braucht, beschäftigt sich erst der Film LOOPER genauer. Bei jeder Veränderung, die das zukünftige Ich von der Figur Joseph Simmons (Joseph Gordon Lewitt) seinem jüngeren Ich aufzwingt, bilden sich dadurch neue Erinnerungen im Kopf von Joseph Simmons (Bruce Willis). Und auch in der Endkonsequenz legt sich LOOPER ziemlich fest, was passiert, wenn sich eine bestimmte Figur aus der Zeitreisegleichung heraus nimmt. Ein weiteres, hervorragendes Beispiel ist der Film FREQUENCY, in dem sich der Vergangene und der Gegenwärtige nicht einmal persönlich begegnen, der Kontakt in die Vergangenheit nur über ein Funkgerät statt findet, und die Aktionen der Figuren trotzdem bleibende Auswirkungen in der Gegenwart haben, seien es Erinnerungen oder Tatsachen.

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Mit 3 Strichen den Plot der BACK TO THE FUTURE Trilogie erklärt @ShootTheGlass

Das Oxymoron “Logische Zeitreise”

Der älteste und faszinierendste Aspekt eines Zeitreiseplots ist aber der, dass man sich selbst in der Vergangenheit begegnet. Die Folgen können ganz unterschiedlich sein. Wenn man sich mit dem Phänomen Zeitreise auseinander setzt, als Autor, kommt man durch die strukturelle Logik, die Zeitreise innewohnt, aber nur zu begrenzten Variationsmöglichkeiten. So schrieb ich vor mittlerweile 13 Jahren eine Zeitreisegeschichte um einen Kriminalkommissar, der einen Toten nebst Waffe findet, die erst in 3 Tagen über den Ladentisch eines Schusswaffenhändlers geht. Denn der Mörder ist Zeitreisender, der Kommissar folgt ihm an den Vorabend des Mordes. Er verliert seine Spur, begegnet aber sich selbst und entschließt: Einer von uns beiden ist zuviel! Der Stolz über die spannende Geschichte währte nur kurz. Denn letztendlich erzählten Filme wie DIE TÜR (nach dem Roman DIE DAMALSTÜR von Akif Pirincci) oder TIMECRIMES genau diesen Plot. Denn die Beschäftigung mit Zeitreiselogik lässt einem da nur bedingt Spielraum. Wie aber alle Zeitreisegeschichten gewinnen oder scheitern alle Filme dieser Spielart mit der konsequenten Beachtung des Paradoxons. Man kann es als Autor einfach nicht übergehen, man kann es biegen, durch Surrealität verschleiern, aber gewinnen wird der Autor nie, und wenn doch, kann er sich den Nobelpreis für Physik gleich mit abholen.

Doch weil die Faszination über die Konsequenzen von Zeitreisen größer ist als die Hinterfragung von Paradoxien, schaffen es viele Zeitreisefilme, zu unterhalten und die Phantasie anzuregen. Filme, in denen Zeitreisen thematisiert werden, müssen nicht vorrangig Zeitreisefilme sein. So legt PLANET DER AFFEN den Fokus auf den Wechsel der herrschenden Spezies und enttarnt sich erst am Ende als Zeitreiseplot. Doch eines haben viele Zeitreisefilme gemein. Zeitreiseplots werden häufig aus der Sicht und Warte des Zeitreisenden erzählt. Folgendes Beispiel ist in erster Linie ein magisches Fantasy-Abenteuer, dem aber ein ungewöhnlicher Zeitreiseplot innewohnt: HARRY POTTER UND DER GEFANGENE DER ASKABAN. HARRY POTTER 3 dreht den Zeitreisespieß einfach mal um und beginnt damit, die Konsequenzen und Auswirkungen einer Zeitreise VOR der eigentlichen Zeitreise zu erzählen. In Sachen Logik ist dieser Zeitreiseplot der bislang Schlüssigste und Interessanteste. Er geht zum einen konform mit der Beachtung der Konsequenz Erinnerung a la LOOPER. Andererseit öffnet einem als Autor und Stoffentwickler dieser Plot dahingehend die Augen, dass Zeitreiseabenteuer eigentlich nie einen Anfang haben, man eine Zeitreise aus beiden Positionen erzählen kann und wie wichtig es ist, um beim Beispiel LOOPER zu bleiben, den LOOP auch richtig zu schließen.

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Die verrücktesten Zeitmaschinen der Filmgeschichte.

Man kann erkennen, Zeitreiseplots kann man in unzähligen Spielarten erzählen und es ist dabei egal, ob die eigentliche Apparatur Zeitmaschine nun ein fliegender DeLorean, eine Telefonzelle, eine Tür oder ein Scheißhaus ist. Der Großteil aller Zeitreisefilme beschäftigt sich mit den Konsequenzen eines solchen Trips. Ich selbst habe erlebt, dass ein Plot über Zeitreisen letztendlich mehr über das Genre, welches letztendlich dabei herauskommt, bestimmt als der eigene Wille. Begeistert von Zeitreisen bin ich schon seit Kindertagen, als ich das erste Mal ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT gesehen habe. Seither lassen mich Zeitreisen und alternative Zeitlinien nicht mehr los. Ich wollte immer eine logische und schlüssige Zeitreisegeschichte schreiben. Aber auch ich bin verzweifelt an der Frage des Paradoxons. Das hat dazu geführt, dass ich einen Weg fand, eine Zeitreisegeschichte ohne Zeitreise zu schreiben. Herausgekommen ist letztlich eine Coming-Of-Age-Geschichte, nicht das, was ich erwarte habe, aber das, was in logischer Konsequenz aus dem Oxymoron „Logische Zeitreise“ resultierte. Gerade in den letzten Jahren sind Zeitreisegeschichten zu einer Art Meisterprüfung für Autoren geworden. Denn im Gegensatz zu einem Survival Thriller oder einem postapokalyptischen Zukunftsszenario kann einem ein Regisseur oder Cutter so gut wie gar nicht helfen, die Geschichte zu visualisieren. Zeitreiseplots müssen vom Autor bis ins kleinste Detail dramaturgisch durchdacht werden. Eine der Königsdisziplinen des Genrefilms.

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Ganz unscheinbar verbirgt sich auch hinter dem deutschen Film DAS FENSTER ZUM SOMMER ein Zeitreiseplot.

Das Beste aber ist, Zeitreiseplots werden uns filmisch noch eine ganze Zeit erfreuen, denn Zeitreisen wird es, wenn überhaupt (und Kenner von Zeitreisefilmen werden beten, dass es niemals dazu kommt), noch in hundert Jahren nicht geben. Die physikalische Unmöglichkeit, eine Zeitreise zu bestreiten, ist der Hauptgrund für die Faszination, sich dem Thema Zeitreisen von allen möglichen Seiten zu nähern. Und aus dem Grund, dass die Konsequenzen einer Zeitreise immer wichtiger sind als Zeitmaschinen, Special Effects oder CGI-Orgien, gibt es auch für den deutschen Genrefilm keine Ausrede, diese phantastische Spielart der Science-Fiction nicht auch zu bedienen.

Christian Hempel
Christian Hempel ist Stoffentwickler, Drehbuchautor, Dramtaturg und Betreiber der Traumfalter Filmwerkstatt. Er beschäftigt sich vorrangig mit nationalen und internationalen Genrefilmen und Retrospektiven. Als Autor ist er verantwortlich für das Subgenrekompediums "Die kleine Genrefibel".
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Christian Hempel

Christian Hempel ist Stoffentwickler, Drehbuchautor, Dramtaturg und Betreiber der Traumfalter Filmwerkstatt. Er beschäftigt sich vorrangig mit nationalen und internationalen Genrefilmen und Retrospektiven. Als Autor ist er verantwortlich für das Subgenrekompediums "Die kleine Genrefibel".

1 Comment

  • Antworten Januar 12, 2015

    Christian Hempel

    Ein kleiner Nachtrag vom Autor selbst, denn inzwischen ist schon wieder
    etwas Zeit vergangen und ein paar Zeitreisefilme haben derweil das Licht der
    Welt erblickt. Zeitreisen mit einer großen Portion Romantik bieten sowohl
    ALLES EINE FRAGE DER ZEIT (ABOUT TIME) mit Domnhall Gleeson und Bill Nighy als
    auch JOURNEY OF LOVE (SAFETY NOT GUARANTEED) mit Mark Duplass und Aubrey Plaza.
    Auch in INTERSTELLAR von Christopher Nolan gibt es ein paar tückische
    Zeitschnappfallen. Ganz frisch durch den Fluxkompensator geflutscht ist zudem der australische
    Sci-Fi-Noir-Thriller PREDESTINATION von den Spierig Brothers, mit Ethan Hawke
    und Newcomerin Sarah Snook – wahrlich einer der besten Zeitreiseplots jüngeren
    Datums, ein Puzzlespiel über Jahrzehnte und ein cleveres, vertracktes Finale. Gehört
    unbedingt in die Aufzählung!

    Grüße, Christian

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