Die kleine Genrefibel Teil 12: A.I. AKA K.I.

Eins der größten Themengebiete der Science-Fiction findet sich nicht in den Weiten des Weltraums, in außerirdischen Existenzen oder in den Fugen der Zeit, sondern in der Unfähigkeit des Menschen, außerhalb seiner biologischen Reproduktion, Leben zu erschaffen.

Leben erschaffen, das war eine Gabe der Götter und somit eines der Urthemen in der Philosophie und der Kunst. Prometheus, der die Menschen nach dem Abbild der Götter formte und sie mit Eigenschaften ausstatte, die er den Göttern selbst stahl, Hephaistos, der die riesige bronzene Statue Talos zum Schutz von Kreta anfertigte bis hin zum Homunculus, einem künstlich erschaffenen kleinen Menschen. Doch die Erschaffung von Leben allein erfüllte kaum mehr den Zweck, als die eigene Sterblichkeit zu relativieren und einen Weg zu finden, den Tod zu besiegen.

Bereits Prometheus lag mehr daran, als lediglich niederes Leben zu erschaffen, Dienerkreaturen oder Sklaven. “Hier sitz’ ich, forme Menschen. Nach meinem Bilde, ein Geschlecht, das mir gleich sei, zu leiden, weinen, genießen und zu freuen sich…” So war die wahre Suche nach künstlichem Leben auch das Bestreben, das zu erschaffen, was den Mensch mutmaßlich als Krone der Schöpfung auszeichnete: Intelligenz. Künstliches Leben und Künstliche Intelligenz, diese beiden Themen sind unterschiedlich, doch im Grunde beide die Antwort auf die Frage nach dem Sinn unseres Seins. In Mary Shelley`s “Frankenstein oder der moderne Prometheus” war es der Versuch, lebendige Materie zu erschaffen, ein Experiment, welches gelang und eben auch nicht. Denn das künstliche Leben war nicht zu dem Selben im Stande, was die Natur über Jahrmillionen an Evolution hatte entstehen lassen. Das menschliche Gehirn, die Komplexität der menschlichen Hand, geschweige denn Vernunft oder Moral. Die Schwierigkeiten lagen nicht in der Physis, der Nachbildung menschlicher Organe oder der Statur. Es war auch mehr nötig, als lediglich totes Gewebe durch Elektrizität zu reanimieren. Künstliches Leben musste, wenn es denn einen Mehrwert für die Menschheit erbringen sollte, auch intelligent sein.

Die Schaffung künstlichen Lebens und künstlicher Intelligenz ist eine der ältesten Visionen der Menschheit und nach Mythen, Sagen, Legenden, Schriften, Erzählungen oder Märchen erreichte sie irgendwann auch die Welt des Films. Die Literatur wie der Film hat die Frage nach künstlichem Leben und Intelligenz in ein komplexes Netz aus Grundannahmen und Konsequenzen weitergesponnen. Heute bevölkern Supercomputer, Roboter, Androiden, intelligente Programme und kybernetische Organismen die Subgenres des Science-Fiction-Films. Sucht man indes nach einem Überbegriff für all diese Facetten, landet man bei genauerer Überlegung immer wieder bei K.I. – Künstliche Intelligenz. Neben außerirdischen Existenzen, Technikevolution oder Zeitreisen ist K.I. eins der faszinierendsten Themen der Science-Fiction.

My lost little robot

Talos, die lebendigen Bronzestatue, die Hephaistos, Gott des Handwerks erschuf, könnte ein Prototyp einer künstlichen Lebensform sein. In der Mythologie war es Gotteshand, die durch zutun magischer Kräfte Dinge zum Leben erwecken konnte. Der Mensch selbst war indes nur im Stande, einfache Maschinen zu bauen. Die ersten Automaten waren mechanische Vögel und Uhrwerke. Die Hochzeit der Automaten, die Vorläufer heutiger Roboter, war allerdings das 18. Jahrhundert. Ein Roboter ist laut Definition ein technischer Apparat, der Tätigkeiten verrichten kann, um den Menschen Arbeit abzunehmen. Abseits von der Industrialisierung, eher im Bereich der Unterhaltung angesiedelt, waren beispielsweise feinmechanisches Spielzeug oder der sogenannte Schachtürke. Solche Automaten waren aber auch Werkzeuge von Magiern und Illusionisten. So wollte es wohl eine schicksalhafte Fügung, dass einer der größten Illusionisten des 19. Jahrhunderts gleichzeitig ein Pionier der Filmkunst war – Georges Méliès. Méliès war es, dem die Filmwelt 1897 den ersten Kinoroboter verdankt. Auch Harry Houdini brachte einen Automaten auf Zelluloid. Der Klassiker des deutschen expressionistischen Films METROPOLIS von 1927 erzählt eine Dystopie einer Zukunft, in der ein Maschinenmensch, die falsche Maria, existiert. An diesem Beispiel zeigt sich auch schon, wie komplex die Welt künstlicher Intelligenzien ist. Denn die falsche Maria in Fritz Langs Meisterwerk ist streng genommen kein Automat oder Roboter, sondern bereits eine Modifikation – ein Androide. Der Unterschied zwischen einem Roboter und einem Androiden ist denkbar einfach. Ein Androide ist ein spezieller Roboter, der einem Menschen sehr ähnlich ist und sich auch so verhält. Der Unterschied zwischen WALL-E und dem TERMINATOR dürfte auf der Hand liegen. Wenden wir uns der Klasse der Androiden später zu und verfolgen die Geschichte von echten Robotern im Film.

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Echte Roboter im Film faszinierten die Kinozuschauer bereits in den fünfziger Jahren, als der Science-Fiction-Film boomte. Schon damals gab es freundliche und weniger gut gesonnene Artgenossen. Während Robbi, der Roboter aus ALARM IM WELTALL zur Blaupause für Spielzeuzroboter wurde, lehrte Gort die Menschen in DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILL STAND das Fürchten. Dass sich Roboter recht schnell zu Androiden weiterentwickelten, hängt auch mit dem Wunsch nach einem möglichst menschlichen Automaten zusammen. Eine solche Evolution spaltete die Roboterwelt in reine Arbeitsmaschinen wie R2D2 und in Protokolldroiden wie C3PO, die die binäre Sprache von Wasserdampfevaporatoren verstehen konnten und es dem Menschen verständlich machten. Für derartige Aufgaben ist es hilfreich, eine etwas personifiziertere Apparatur vor sich zu haben. Trotzdem enden nicht alle Filmroboter durch das Auftauchen von Androiden sogleich im Sandcrawler feilschender Jawas. Ein paar Roboter haben Erstaunliches vollbracht und sind gleichsam dem Zuschauer ans Herz gewachsen.

Johnny 5 aus NR. 5 LEBT ist ein solcher Zeitgenosse, WALL-E oder DER GIGANT AUS DEM ALL. Egal ob eckig oder kubisch, auch ein Roboter kann Emotionen auslösen. Mal helfen Tricks wie Kindchenschema oder süße Kulleraugen wie in WALL-E oder ein Roboter zeigt ganz menschliche Gefühle wie der depressive Marvin aus PER ANHALTER DURCH DIE GALAXIS. Dramaturgisch ist so ein Roboter allerdings schwer im Nachteil, denn eine emotionale Bindung zu einer Blechbüchse fällt manchem Zuschauer schwer oder ist auch schwer zu inszenieren. Mag sein, dass Filme über Androiden dramaturgisch wesentlich mehr Potential haben. Und für einen Androiden kann man auch einen Menschen besetzen. Sieht man sich die Roboter der Filmgeschichte an, gibt es kaum Automaten, die ihr Dasein bedauern. Roboter sind Arbeiter, zufrieden mit ihrer ihnen angetrauten Aufgabe, die sie mit Hingabe verfolgen. Ein WALL-E räumt auch noch die Erde auf, wenn schon längst kein Mensch mehr auf der selbigen verweilt. Ein Roboter scheint nur gut für eine spezielle Sache zu sein. Anpassung ist ihm fremd. Er muss seine Umwelt in sein Rasterschema pressen, damit die Dinge funktionieren. Man kann einen Roboter zum Freund haben, er kann als Beschützer fungieren, als Spielkamerad. Letzten Endes bleibt er aber eine Maschine, denn was ihr fehlt, ist die Gabe, sich weiterzuentwickeln, zu lernen, selbstständig zu werden – zu leben. Ein Roboter ist eine künstliche Intelligenz, aber keine besonders große. Es gibt filmisch ein Bindeglied zwischen Robotern und Androiden, welches ich für einen phantastischen Stoff und Verfilmung halte – I, ROBOT von Alex Proyas (DARK CITY), welches die Evolution künstlicher Intelligenz besonders eindrucksvoll schildert.

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Intelligenz ist nur eine zufällige Begleiterscheinung des Lebens und vielleicht nicht einmal eine sehr nützliche.” ist ein Zitat von Isaac Asimov, einem der bekanntesten Science-Fiction-Autoren. In seinen Kurzgeschichten und Romanen beschäftigte sich Asimov sehr intensiv mit Robotern, aber auf andere Weise, als es in den fünfziger Jahren üblich war. Asimov interessierte die Integrierung von Robotern in die Gesellschaft, während der Roboter sonst hauptsächlich als feindliches Wesen in Verbindung mit Aliens thematisiert wurde. Anders als in Frankenstein ist das künstliche Geschöpf dem Erschaffer auch nicht bös gesonnen, der Vorteil eines Roboters besteht in seinem Wesen – er ist eine Maschine, ihm sind Zorn, Hass, Wut oder Habgier fremd. Asimov formuliert für sein folgendes Werk 1942 seine drei Gesetze der Robotik:

1. Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen lassen.

2. Ein Roboter muss den Befehlen eines Menschen gehorchen, es sei denn, solche Befehle stehen im Widerspruch zum ersten Gesetz.

3. Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange dieser Schutz nicht dem Ersten oder Zweiten Gesetz widerspricht.

In Asimovs Geschichten mündeten diese Gesetze in einem Konflikt innerhalb eines Roboters, was dazu führte, dass der Roboter den Mensch vor sich selbst schützen musste, damit er die vorgegebenen Gesetze im Endeffekt erfüllte. “I, Robot” erschien 1950 und war diesbezüglich seiner Zeit weit voraus, spielte mit frühen Ideen künstlicher Intelligenz, Lernverhalten und moralischer Decodierung innerhalb von künstlich erschaffenen Wesen, und das 5 Jahre bevor John McCarthy 1955 den Begriff “Künstliche Intelligenz” für eine Wissenschaftskonferenz prägte. Bereits in den fünfziger Jahren war die Frage bestimmend, wie ein Roboter lernfähiger und somit menschlicher werden konnte.

I am the replicant, to hell with the gods

Doch wohin führt diese Entwicklung? Bedeutet es, wenn eine Maschine intelligenter wird, dass sie dadurch auch menschlicher wird? Die meisten Roboter der Filmgeschichte wandelten sich sehr bald in Androiden, die den Menschen im Äußeren ähneln. Ihre künstliche Intelligenz wurde immer weiter verbessert, bis sie unweigerlich an die Frage nach ihrer eigenen Existenz gelangen mussten. Man spricht von der Einzigartigkeit menschlicher Intelligenz, sich selbst im System Umwelt zu erkennen, Handlungen zu reflektieren und zu hinterfragen, zu lernen. Wenn das eine Maschine tut, wohin wird sie dadurch getrieben? Die interessantesten Antworten darauf findet man nicht in Filmen über echte Roboter, sondern eben in Filmen über Androiden.

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Der Traum vom künstlich erschaffenem Menschen macht durch die Weiterentwicklung von Robotern hin zu Androiden einen gewaltigen Sprung. Es ist jedoch nicht das Problem, einen Roboter menschenähnlich zu konstruieren, bereits Sonny aus I, ROBOT kam einem Androiden schon ziemlich nahe. Auch C3PO ist ein Androide. Wenn ein Androide einem Menschen täuschend ähnlich sieht, bezeichnet man ihn häufig als Replikant. Der Lieblingsandroide meiner Kindheit war Opa Rodenwald aus der Serie SPUK VON DRAUßEN. Wenn man aber über Androiden oder Replikanten nachdenkt, fallen einem zuerst die negativen Beweggründe für deren Existenz ein. Ein überlegener Feind, der aussieht wie ein normaler Mensch, ist eine effektive Kampfwaffe. Auch Außerirdische bedienen sich ihrer, um den Planeten Erde unbemerkt zu infiltrieren. Einer der bekanntesten Androiden, dessen Konstruktion vor allem taktische Vorteile bietet, ist der TERMINATOR. Der Mensch als Feind der Maschine, die Maschine im Körper des Feindes, dieses dramaturgische Stück Blockschokolade bietet Stoff für unzählige spannende Androidengeschichten.

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Neben Androiden feindlicher Gesinnung, ob nun manipulativ oder aus eigener entstandener KI heraus, sind vor allem solche Geschichten faszinierend, die sich mit dem Widerspruch von Maschinen und Gefühle beschäftigen. Eine Maschine, ein Roboter oder Replikant kann noch so perfekt konstruiert sein, Emotionen bleiben für ihn technisch undefinierbar. Das ist zum Beispiel das größte dramaturgische Potential der Figur Data aus STAR TREK NEXT GENERATION, der schon allerhand Versuche unternommen hat, um hinter das Geheimnis von menschlichen Gefühlen zu gelangen. Ob ein Roboter lieben kann, ist die zentrale Frage in Steven Spielbergs Film A.I., ein Film, dessen Ursprünge auf Stanley Kubrick zurückgehen. A.I., im eigentlichen Sinne eine Interpretation des Stoffes Pinoccio, ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter Film. Er spiegelt die Ängste von Menschen und Maschinen gleichermaßen, die Widersprüche, wenn ein Androide versucht, menschliches Verhalten nachzuahmen und zeigt Eifersucht, Angst und Hass als Reaktion der Menschen auf das, was wie ein Mensch aussieht, aber keiner sein darf. “Sie haben uns zu klug gemacht, zu schnell, in zu großer Menge… Wir leiden unter den Fehlern, die SIE gemacht haben. Denn wenn das Ende kommt, sind nur noch wir Mecha übrig, sonst nichts. Deswegen hassen sie uns.”  Zwischen David aus A.I. und Data aus STAR TREK liegen noch Jahrzehnte der Akzeptanz gegenüber Maschinen. Ein Androide wie Data ist eingegliedert in das System von lebenden Organismen, David steht an einem möglichen Anfang, egal, wie der Film auch endet. Doch während David oder Data ihr Dasein nur hinterfragen, wollen andere Androiden weitaus mehr von ihren Schöpfern.

Replikanten werden hergestellt, damit sich der Mensch ihrer überdurchschnittlichen Stärke und Intelligenz bemächtigen kann. Doch was, wenn der Androide irgendwann nicht mehr nach den Spielregeln seiner Erbauer spielen will. Khan aus STAR TREK 2 – DER ZORN DES KHAN ist ein solcher Replikant, der sich gegen seine Schöpfer auflehnt. Er ist allerdings kein Maschinenmensch, sondern ein genetisch konstruiertes Individuum. Zählt er da überhaupt noch zu den klassischen Androiden? Er muss es, denn es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Khan und einem anderen, sehr bekannten Replikanten – Roy Batty aus Ridley Scotts BLADE RUNNER. Was Batty, gespielt von Rutger Hauer, am Ende von seinem Schöpfer verlangt, ist auch für eine Maschine nachvollziehbar. Replikanten wie Batty haben eine programmierte Lebensdauer von 4 Jahren. Da Replikanten ihre Schöpfer gern als ihre Väter ansehen, verlangt Batty: “Ich will mehr Leben, Vater!” Dr. Tyrell, sein Erbauer, antwortet darauf mit:“Das Licht, das doppelt so hell brennt, brennt nur halb so lange, und du hast für kurze Zeit unglaublich hell gebrannt, Roy.”. Wenn am Ende seines kurzen Lebens Roy Batty im Regen kniet, dem Ende seines Haltbarkeitsdatums nahe, reflektiert er den Sinn seines Dasein mit Worten, welche die Tragik solcher Geschöpfe eindrucksvoll zusammenfassen:

“Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkel, nahe dem Thannhäuser-Tor. All diese Momente werden verloren sein… in der Zeit, so wie… Tränen im Regen. Zeit zu Sterben!”

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BLADE RUNNER ist vielleicht der tiefgründigste Film, der sich je mit Androiden oder Replikanten auseinandergesetzt hat. Es ist die Verfilmung der Geschichte “Träumen Androiden von elektrischen Schafen?” , ein dystopischer Roman des Schriftstellers Philip K. Dick von 1968. Im Bereich der Robotik ist der Stand der Wissenschaft unfassbar weit fortgeschritten, Androiden wie Data, David oder gar Roy Batty sind allerdings noch weit entfernte Zukunftsmusik. Einen anderen Teilbereich artifiziellen Daseins und Intelligenz allerdings hat die Realität längst eingeholt. Denn neben Robotern und Androiden gibt es noch eine weitere Gruppe künstlicher Koexistenz.

I’m a Cyborg, But That’s OK

Ein Cyborg ist ein Mischwesen aus lebendem Organismus und Maschine, ein kybernetischer Organismus. Doch auf dem Weg hin zum ROBOCOP und dem UNIVERSAL SOLDIER sind wir gerademal auf der halben Strecke, was bemerkenswert genug ist. Implantate sind ein alter Hut und längst Medizineralltag, der erste Herzschrittmacher stammt aus dem Jahr 1957, heute kann man bereits ein Kunstherz verpflanzen. Der Film REPO MEN widmet sich speziell dem Thema Künstlicher Organhandel, aber man findet Anleihen in den verschiedensten Science-Fiction-Filmen. In STAR WARS beispielsweise haben wir alle Vertreter künstlichen Lebens vereint, Roboter (R2D2), Androiden (C3PO), Cyborgs (General Grievous), Klone sowie einen Anakin und Luke Skywalker mit Handimplantaten. Interessante Plug Ins gibt es zudem in EXISTENZ und VIDEODROME von David Cronenberg. Doch ein Implantat macht noch keinen richtigen Cyborg.

Ein Cyborg hat einen anderen Mensch-Maschinen-Konflikt. ROBOCOP beispielsweise ist im Inneren noch immer ein Mensch. Der Cyborg steht als Bindeglied zwischen Mensch und Maschine und es läuft häufig darauf hinaus, sich seines letzten bisschen verbliebener Menschlichkeit zu erinnern . Nur die wenigsten Cyborgs sind wirklich finstere Gesellen wie die Borg im STAR TREK Universum. Neben Inspector Gadget hat mich beispielweise in meiner Kindheit die Serie DER 6 MILLIONEN DOLLAR MAN begeistert, in der Lee Majors nach einem Unfall kybernetische Körperteile implantiert werden. Über hilfreiche Implantate verfügt übrigens auch Ash aus THE EVIL DEAD 2 und ARMY OF DARKNESS. Cyborgs in Horrorfilmen sind aber dennoch selten. Immerhin gibt es mit ROTTWEILER ein süßes Cyborghündchen.

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The soul is in the machine

Androiden und Roboter können über mehr oder minder große künstliche Intelligenz verfügen, sie werden immer abhängig von ihrem Schöpfer sein, es sei denn, sie entwickeln sich über ihre Programmierung hinaus. Denn der Kern jeder intelligenten Maschine ist und bleibt ein simples Programm. Computer sind es, die als künstliche Intelligenz auch ohne Roboterarme und Implantate großen Schaden anrichten können. Nicht selten ist es eine übergeordnetes, selbstdenkendes Programm, welches auch Androiden anstiften kann, dem Feind Mensch entgegenzutreten. SKYNET oder die MATRIX sind Computer-KI, die letztendlich Maschinen zum Kampf gegen die Menschheit aufstacheln. In DARK STAR von John Carpenter existiert hingegen eine intelligente Waffe, Bombe 20, die sich selbst entscheidet, ob und wann sie zu detonieren hat. Unvergleichlich in der Filmgeschichte ist dann der Versuch, Bombe 20 auf philosophische Art zu überreden, das Explodieren sein zu lassen.

Es ist ein interessanter Aspekt, eine Maschine oder ein Programm dramaturgisch nicht nur hinsichtlich Intelligenz und objektive Problemlösung zu entwickeln, sondern sie auch mit neurotischen Verhaltenszügen oder sarkastischem Witz auszustatten. Der Computer “Deep Thought” beispielsweise benötigt gerade mal 7,5 Millionen Jahre, um die an ihn gerichtete Frage nach dem Sinn des Lebens, des Universums und des ganzen Rests mit “42″ zu beantworten. In 2001: ODYSSEE IM WELTALL entwickelt Computer HAL 9000 ganz eigenständige Denk- und Handlungsweisen, angetrieben durch Scham, einen Rechenfehler begangen zu haben und durch Angst, abgeschaltet zu werden. Das Übertragen menschlicher Eigenschaften auf Maschinen und Computerprogramme ist ein toller Spielplatz für Geschichten, die nicht unbedingt aufwändige Spezialeffekte benötigen. Die interessantesten Plots finden sich in schlichten Filmen wie DARK STAR oder MOON und haben dennoch eine enorme philosophische Tragweite.

Das Thema Künstliche Intelligenz in Filmen reicht also von Robotern, Androiden, Cyborgs und kybernetischen Organen bis hin zu Supercomputern mit Charakter. Vieles von dem, was lange für Science-Fiction gehalten wurde, ist längst Alltag. Bis jedoch Androiden des Menschen Drecksarbeit erledigen, wird es wohl noch einige Zeit dauern. Bis dahin werden sich weiter vorrangig moralische und ethische Fragen stellen, wie sich in der Fiktion ein Zusammenleben zwischen Mensch und Maschine abzeichnen könnte. Wird die Maschine auf ewig Sklave des Menschen bleiben? Oder ist die Erschaffung von künstlichen Lebewesen das Eingeständnis der Menschheit zur eigenen Unvollkommenheit? Es sind große philosophische Fragen, der Beleg dafür, dass sie sich der Mensch stellt, sind die schier unglaublich vielen Filme, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen. Für viele sind solche Geschichten innerhalb der Science-Fiction fassbarer als Zeitreisen, Aliens oder Raumschiffe, weil Roboter und Computer bereits maßgeblich das Leben und den Alltag der Menschen bestimmen. Ob es irgendwann gelingt, dass eine Maschine weniger imitiert, sondern kreiert, bleibt spannend – in der Realität wie im Film.

One day they’ll have secrets… one day they’ll have dreams

Da Roboter, Androiden oder Cyborgs nicht unbedingt im Zentrum einer Geschichte stehen müssen, ist die Zahl künftiger Filme über künstliche Intelligenz eigentlich unüberschaubar. Das Remake von ROBOCOP startet im Februar 2014, auch ein neuer TRANSFORMERS Teil steht nächstes Jahr an (warum denn auch nicht). Weitere interessante Filme über KI in allerlei Varianz sind OUR ROBOT OVERLORDS von John Wright, WORLD WAR ROBOT oder TRON 3. Aber auch der TERMINATOR und PACIFIC RIM kehren auf die Leinwand zurück und es wird sicherlich nicht bei einem Blechschaden bleiben.

Der Beitrag erschien bereits auf Christians Blog: Traumfalter Filmwerkstatt.

In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL hat es sich Christian Hempel zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die ihn bis weit nach seinem Lebensende beschäftigen wird. Er legt insbesondere den Fokus auf Dramaturgie und Buch, wird sich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

In der nächsten Folge:

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Christian Hempel
Christian Hempel ist Stoffentwickler, Drehbuchautor, Dramtaturg und Betreiber der Traumfalter Filmwerkstatt. Er beschäftigt sich vorrangig mit nationalen und internationalen Genrefilmen und Retrospektiven. Als Autor ist er verantwortlich für das Subgenrekompediums "Die kleine Genrefibel".
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Christian Hempel ist Stoffentwickler, Drehbuchautor, Dramtaturg und Betreiber der Traumfalter Filmwerkstatt. Er beschäftigt sich vorrangig mit nationalen und internationalen Genrefilmen und Retrospektiven. Als Autor ist er verantwortlich für das Subgenrekompediums "Die kleine Genrefibel".

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