Die kleine Genrefibel – Teil 3: Drogenfilme

Unbekannte Substanzen übernehmen das Genre und Streit ist vorprogrammiert. Sind Filme über Drogen ein eigenes Genre? Warum nicht? Viele Drogenfilme sind fantastische Genrestreifen. Natürlich verhält es sich mit Drogen ähnlich wie mit Zeitreisen, die Thematik umfasst das Genre und weniger dramaturgische Regelwerke.

Drogen werden in sämtlichen Genres thematisiert, Thriller, Dramen, Biografien, sogar der Begriff ‚Kifferkomödie‘ hat sich als eigenständiges Subgenre etabliert und ist in der Filmwelt mittlerweile ein fest integrierter Bestandteil. Zudem fällt auf, dass es kaum mehr einen Horrorfilm gibt, in dem nicht irgendwann ein Marihuanastäbchen kulminiert. Doch das blofle Verklappen spafliger Substanzen macht aus einem Streifen noch lange keinen Drogenfilm. Wie kann man den Komplex Drogen im Film denn nun Genregerecht portionieren?

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Bunter Drogenfilm Cocktail

Die angesprochene ‚Kifferkomödie‘ steht begrifflich ja ganz gut für sich. Um die soll es aber hier vorrangig nicht gehen. Ebenso wenig um die Werke von Quentin Tarantino, die zwar klare Drogenbezüge aufweisen, sich aber in treffendere Schubladen schieben lassen. Wenn man Drogenfilme grundsätzlicher betrachtet, kann man sie unterteilen in Filme über Konsum, Rausch und Abhängigkeit sowie in Filme um Beschaffungskriminalität, Dealen & Drogenfahndung. Überschneidungen sind da keine Einzelfälle. Wenn man aber Tierhorror nach Arten in seine Subgenre aufteilen kann, warum dann nicht auch Drogenfilme? So ganz neu ist mein kleines Arzneischränkchen nicht, was ich da angelegt habe. In der CINEMA-Ausgabe 280 aus dem Jahr 2001 wurden in einem Special bereits Drogenfilme nach Substanzen gegliedert. Weil das allerdings schon ein Stückchen her ist, die Wirkung somit langsam nachlässt und ich Einiges sowieso ganz anders sehe, nähern wir uns dem Thema Drogen im Film doch noch einmal von dieser Seite. Die Geschichte von Drogen im Film geht selbstverständlich mit dem gesellschaftspolitischen Umgang bewusstseinsverändernder Substanzen und deren Geschichte einher. Auswirkungen für den Film hatten Mittelchen da genauso wie in der Musik, Literatur und Malerei. Filme über Marihuana, Joints und Bongrauchen starteten demzufolge bereits in den 60er Jahren durch und formierten sich als sogenannte ‚Stoner-Filme‘ Ende der Siebziger als eigenes Genre. Doch der Klassiker des Kifferfilms, von EASY RIDER mal abgesehen, stammt bereits aus dem Jahr 1936: REEFER MADNESS. Das sollte eigentlich ein Drogen-Aufklärungsfilm werden, doch die Wirkung ist da irgendwie in der Luft verpafft. REEFER MADNESS, zu Deutsch Kifferwahn, erzählt von arglosen High School-Kids, die durch den Genuss von der groflen Blume völlig abdrehen und dem Wahnsinn anheim fallen. Doch als Aufklärungsfilm floppte der Streifen gewaltig, dafür war er Jahrzehnte lang der Kultstreifen des Exploitationfilms.

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Filme über Marihuana

So sind auch bis heute Filme über Marihuana selten ernst oder pädagogisch. Joints sind mittlerweile selbstverständlich geworden und erregen kaum mehr großes Aufsehen wie noch zu Zeiten von CHEECH & CHONG. Heute gibt es eine ganze Tüte voll Kifferfilme und Serien, um gescheiten Anbau (LEAVES OF GRASS), gerissenen Vertrieb (LAMMBOCK) und orale Verklappung (HIGH SCHOOL). Im Bereich Serie kann man sich von WEEDS mit Mary-Louise Parker benebeln lassen. Die 60er und 70er Jahre waren die Hochzeit von Marihuana und LSD. In den beiden darauf folgenden Jahrzehnten wurden hauptsächlich Kokain und Heroin thematisiert. Der Klassiker WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO von Uli Edel wurde das, was REEFER MADNESS verwehrt blieb. Er wurde als Anti-Drogenfilm ernst genommen und war nicht selten Bestandteil des Schulunterrichts. Noch heute hat der Film mit der wunderbaren Musik von David Bowie nichts von seiner beklemmenden Wirkung verloren.

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Filme über Heroin

Generell wandelte sich das Blatt von der fröhlichen Kifferei zu einer ernsteren Beschäftigung mit Spritzen, Cold Turkey, Entzug und HIV. Filme wie PANIK IN NEEDLE PARK, SID & NANCY und später vor allem TRAINSPOTTING sind alptraumhafte Trips, die eher beängstigen als Spaß machen. Heute hat Heroin im Film kaum mehr eine Bedeutung. Das kann daran liegen, dass Heroin im Gegensatz zu Marihuana oder Kokain niemals den Status der Coolness hatte. Filme über Heroin sind fast immer dreckig und abstoßend. Ganz anders das weiße Pulver, welches in den 80er Jahren beinahe Kultstatus besaß. Bei Filmen um Kokain fällt auf, dass sich die meisten Streifen mehr mit dem Verkauf und Vertrieb der Substanz beschäftigen, aber auch mit der Fahndung danach (MIAMI VICE, TRAFFIC). Kokain wird auch ‚das weiße Gold‘ genannt und wird nach wie vor Kiloweise geschmuggelt, in Kofferräumen von alten Autos transportiert und mit einem Klappmesser verkostet (eine DER größten Filmsinnlosigkeiten überhaupt).

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Filme über Kokain

Filme über Kokain sind meist im Gangstermilieu angesiedelt, SCARFACE und BLOW sind die für mich die Spitze der Line. Aber die beiden Teile COCAINE COWBOYS von Bill Corben beispielsweise nähern sich der Thematik auf dokumentarischer Ebene und erzählen die wahren Hintergründe von Tony Montana oder Georg Jung. Die große Zeit von Lysergsäurediethylamid war bereits in den späten 70er Jahren vorbei. Nach anfänglicher Faszination über die Bewusstseinserweiterung ebbte die Euphorie über die zufällig entdeckte Substanz durch den Chemiker Albert Hofmann abrupt ab. Gründe dafür lagen in den prominenten Drogentoten wie Jimi Hendrix oder Jim Morrison, die dafür sorgten, sich nun doch anders mit den Wirkungen von Heroin oder LSD zu beschäftigen.

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Filme über LSD

Filme über halluzinogene Drogen waren danach meist surreale Trips wie THE TRIP oder NAKED LUNCH. Dass man sich dem Thema aber auch ganz gewitzt nähern kann, zeigt vor allem der neuzeitliche Klassiker FEAR & LOATHING IN LAS VEGAS. Aber auch in MÄNNER, DIE AUF ZIEGEN STARREN experimentiert man freudig mit Lysergsäure in Rührei. Als Anfang der Neunziger Jahre die Technoszene entstand, wurden Mittelchen wie Ecstasy salonfähig. Es gibt eine ganze Reihe von Filmen (CLUBBED TO DEATH, RAVE MACBETH, SORTED), die sich dem extatischen Rausch in Clubs und Discos verschrieben haben. Es sind meist Filme um junge Protagonisten und ihre ersten Erfahrungen mit Rausch, Sex und dem Gefühl von Freiheit.

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Filme über Tabletten

Ganz anders sind Filme wie PROZAC NATION, die sich mit der Wirkungen von Antidepressiva beschäftigen. Und auch DER Drogenfilm schlechthin, REQUIEM FOR A DREAM thematisiert den Konsum von Tabletten und die daraus resultierende Abhängigkeit. Die gefährlichste aller Drogen bleibt aber die Volksdroge Alkohol. Albert Finney (UNTER DEM VULKAN) oder Mickey Rourke (BARFLY) haben sich mit Hochprozentigem zugeschüttet, bis die Leber krachte. Dass das Thema aber auch in leichter verdaulichen Drinks serviert wird, zeigen Filme wie WHEN A MAN LOVES A WOMAN, 28 TAGE mit Sandra Bullock und zuletzt FLIGHT von Robert Zemeckis.

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Filme über Alkohol

Wer Alkohol und seine Wirkung unterschätzt, muss sich nur LEAVING LAS VEGAS von Mike Figgis anschauen. Der Film mit einem kongenialen Nicolas Cage zeigt auf erschreckende Weise, wie ein Mann sich systematisch zu Tode saufen kann. Drogenfilme drehen sich also fast ausschlieälich um diese sechs genannten Substanzen. In wenigen Fällen gibt es noch Streifen über Pilze (SHROOMS) oder die Auswirkungen von Opiaten (ED WOOD, FROM HELL). Doch Letztere sind wohl kaum Drogenfilme. Interessant wird die Sache, wenn Filmemacher und Autoren ihrer Fantasie freien Lauf lassen (durch was auch immer) und eigene Drogen kreieren. Das muss dann nicht immer eine düstere Vision der Zukunft sein, Freunde. Ich sage es unumwunden, die fantastischste Droge, die je in einem Film präsent war, bleibt der Zaubertrank aus den Asterix-Streifen. Am Beispiel Obelix kann man deutlich sehen, wie sich ein zu hoher Konsum in der Kindheit zu verheerenden Spätfolgen entwickeln kann. Auch das Zeug, was ALICE IM WUNDERLAND verklappt, ist definitiv von LSD inspiriert. Sowieso, wo da alles vertickt wird, man muss sich schon wundern, in EPISODE 2 ANGRIFF DER KLONKRIEGER bietet man Obi Wan ‚Killer Sticks‘ an und in LOOPER gibt man seiner Netzhaut mit ‚Droppers‘ einen Kick. In STRANGE DAYS wird ‚Squid‘ verklappt, in LIMITLESS ist es ‚NZT-48‘ und in FRINGE nascht Walter gern ‚Cortexiphane‘.

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Fiktive Drogen

Haben Drogenfilme nun etwas Einheitliches, was Struktur und Dramaturgie betrifft. Nun, das wäre beispielsweise der Umstand, dass ein abhängiger Protagonist oder Antagonist eine facettenreiche Figur darstellt, die ganz anderen Zwängen unterliegt als jemand, der nur mal am Sektglas nippt. Drogen verändern Menschen und somit bieten einem Plots und Storys rum um bewusstseinsverändernde Mittelchen sehr viele Freiräume. Dazu muss man nicht unbedingt alles probiert haben, um seine Hauptfigur realistisch hinsichtlich der Auswirkung seiner Sucht darzustellen. An Drogen wird vor allem in der Kunst immer eine Faszination haften bleiben, der Science-Fiction-Film wird immer auf der Suche nach einem neuen Wundermittel aus eigenen Anbau interessiert sein und Abstürze diverser Stars werden nach wie vor Themen hinsichtlich Sucht und Entzug liefern. Drogen sind neben Sex und Gewalt DAS Reizthema des Films. Man kann gespannt sein, welche Substanzen in den kommenden Jahrzehnten Gesellschaft und Film beeinflussen.

Christian Hempel
Christian Hempel ist Stoffentwickler, Drehbuchautor, Dramtaturg und Betreiber der Traumfalter Filmwerkstatt. Er beschäftigt sich vorrangig mit nationalen und internationalen Genrefilmen und Retrospektiven. Als Autor ist er verantwortlich für das Subgenrekompediums "Die kleine Genrefibel".
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Christian Hempel

Christian Hempel ist Stoffentwickler, Drehbuchautor, Dramtaturg und Betreiber der Traumfalter Filmwerkstatt. Er beschäftigt sich vorrangig mit nationalen und internationalen Genrefilmen und Retrospektiven. Als Autor ist er verantwortlich für das Subgenrekompediums "Die kleine Genrefibel".

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