Die kleine Genrefibel Teil 9: Miniaturism

Das Genre Fantasy kann kompliziert sein. Ist STAR WARS Fantasy oder Science-Fiction? Fantasy ist ein schwammiger Begriff. Die meisten verbinden ihn mit Tolkien, Drachen, Rittersleuten, Barbaren oder Fabelwesen. Im Bereich Fantasy trifft man einerseits auf geschichtliche Mythologie wie auf vollkommen neue Welten. Ob das nun ganze Planeten wie Pandora oder Tattoine sind, Mittelerde oder der Hades, erscheint ebenso zweitrangig wie die Lebewesen, die diese Welten bevölkern.

Das Erschaffen einer eigenen Welt kann für einen Autor das Größte sein. Doch nicht immer ist das auch das Cleverste für die Geschichte. Fremde, neue Welten eröffnen einem Autor nahezu grenzenlose Freiheiten. Man kann, mal unflätig ausgedrückt, auf Dinge wie Gravitation, Biophysik und manchmal auch Logik scheißen. In neuen Welten ist alles möglich. Doch genau das nimmt einer Geschichte nicht selten Spannungs-potential. Denn je differenter die Gesetzmäßigkeiten fremder Welten gegenüber der Unseren sind, umso schwerer kann man Handlungen und Entscheidungen der Figuren darin verstehen und nachvollziehen.

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Ein anderer Ansatz, sich neuen Welten zu öffnen, ist die Möglichkeit, bekannte Szenarien aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, einen dramaturgischen Umstand kurzer Hand umzudrehen. Nicht wie Welt um die Figuren wird neu kreiert, die Figuren werden in eine andere Position in ihrer bekannten Welt gebracht. Man versetze sich in die Lage einer Laus. Wenn aus Stühlen und Tischen unüberwindbare Hindernisse, Wespen zu tödlichen Feinden und Frühstücksflocken zu Rettungsbotten werden, dann befindet man sich meist im wundersamen Kosmos von Miniaturwelten.

Zwischen Liliput und Brobdingnag

Wir sind wieder mal bei einem Subgenre angekommen, welche so eigentlich gar keins ist. Jedenfalls habe ich bei der Recherche nirgendwo einen Beitrag á la “Die besten Miniaturfilme” gefunden. Auch der Begriff Miniatur ist widerborstig, denn was groß und was klein ist, hängt vom jeweiligen Standpunkt ab. Wenn man selbst nur noch 10 Milimeter groß ist, dann wird aus einem Wäschehaufen schnell mal der Kilimandscharo. Sollte man da nicht eher von Riesenwelten sprechen? Wenn es um Welten geht, die man mit der Lupe suchen muss, kommt es viel mehr auf Unterschied zwischen Held und Hindernis an. Als Figur normaler Statur und Größe ist man im Land der Riesen genauso aufgeschmissen wie ein Winzling im Vorgarten. Geschichten um Groß und Klein spielen also immer irgendwo zwischen Liliput und Brobdingnag?

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Es war um 1726 und ein Roman des irischen Schriftstellers Jonathan Swift mit dem schnittigem TitelTravels into Several Remote Nations of the World in Four Parts By Lemuel Gulliver, first a Surgeon, and then a Captain of Several Ships erschien. Heute ist er, nicht ganz so einprägsamen, als Gullivers Reisenbekannt. In den ersten beiden Kapiteln gelangt Held Gulliver einerseits in das Land der Winzlinge Liliput sowie in das Land der Riesen Brobdingnag. Während Gulliver in Liliput per Bindfäden gefesselt und von Heerscharen an Minisoldaten mit niedlichen, kleinen Lanzen drangsaliert wird, wird er im Land der Riesen beinahe zertreten oder in Creme ersäuft. Sind also Gullivers Reisen letztendlich die literarischen Vorreiter von LIEBLING, ICH HABE DIE KINDER GESCHRUMPFT? Vielleicht. Genausogut könnte es das Märchen vom Kleinen Däumling sein. Und auch Alice im Wunderland konnte per eat me, drink me über Groß und Klein bestimmen. GULLIVERS REISEN von 1939 jedenfalls war der Beginn einer Hand voll Verfilmungen des Swift-Romans, die sich bis GULLIVERS REISEN 2010 mit Jack Black mehr oder weniger werkgetreu mit Miniaturwelten beschäftigen.

Todeszone Vorgarten

Dennoch reist der Held Gulliver eigentlich in ein fremdes, fernes Land. Doch man muss nicht so weit weggehen, um einen Schauplatz für ein Miniaturabenteuer zu finden. Meist reicht schon der Vorgarten oder ein Blumenbeet. Ich sprach davon, dass das Erschaffen neuer Welten für den Autor Freiheit bedeuten kann. Aber auch ein Vorgarten kann eine völlig neue Welt voller nachvollziehbarer Gefahren und Hindernisse darstellen. Man muss nur genau hinschauen. Regentropfen werden zu tödlichen Wasserbomben, Ameisen zu Reittieren und eine Blechdose kann eine tückischere Barriere darstellen als der Caradhras für die Gefährten. Warum gerade der Garten oder die Wiese so faszinierend ist, dass sich Filme von LIEBLING, ICH HABE DIE KINDER GESCHRUMPFT bis EPIC damit beschäftigen, ist leicht zu erklären. Wer hat als Kind nicht kleine Städtchen aus Zweigen und Moos für Krabbelviecher jedweder Art im Wald gebaut? Wahrscheinlich wieder mal nur ich alleine. Besonders Ameisen sind beliebte Winzlinge. Ein Ameisenhaufen ist eine Stadt, das emsige Treiben der Formicidae nicht groß anders als Hektik im Kopierzimmer der Chefetage. DAS GROßE KRABBELN von 1998 beschränkt seinen Fokus zwar nur auf eine kleine Ameisenkolonie, aber auch die hat mit den Widrigkeiten zu kämpfen, die eine überschaubare Körpergröße so mit sich bringen. Gute Miniaturfilme zeichnen sich darin aus, dass sie konsequent mit bekannten Bezugsgrößen spielen, mit Groß und Klein. So basteln die Bugs rund um Flik eine Vogelattrappe in Lebensgröße, während Dot, die kleine Schwester der Kronprinzessin, auf einem Pusteblumenstengel davonfliegt. Es macht einfach Spaß dabei zuzuschauen, wie Winzlinge gegen ganz gewöhnliche Dinge wie Wäscheleinen und Regenwürmer antreten. Das kann spannender sein als der Kampf gegen einen Rancor oder einen Balrog.

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Auch ANTZ oder EPIC beschäftigen sich mit Minivölkern in heimischer Umgebung. Während JAMES UND DER RIESENPFIRSICH ins Meer plumpsen, treiben ARTHUR UND DIE MINIMOYS in einer Nussschale durch Pfützen. Der Mikrokosmos Garten bietet unglaublich viele Möglichkeiten der Gefahrengenerierung. Ebeneso gefährlich kann das Innere eines jeden Wohnhauses sein. Selbst, wenn die Figuren nicht ganz so winzig sind, vielleicht sogar aus Stoff oder Hartplaste bestehen, kann es passieren, dass ein Kinderzimmer oder ein Kindergarten ein Ort des Schreckens wird. Im weitestgehenden Sinne sind auch die TOY STORY Filme interessante Miniaturwelten mit Gesetzen und schwer zu meisternden Hürden. Spielzeug wird oft in Fantasyminiwelten thematisiert. Das reicht vom herzerwärmenden INDIANER IM KÜCHENSCHRANK bis zu SMALL SOLDIERS. Insekten, Spielzeuge, es macht einfach Spaß, sich in bekannte Szenarien hineinzudenken und mit der Beschaffenheit der Welt zu spielen, in der jene Geschichten handeln. Wenn man so will, sind die besten Miniaturwelten jene, die sich mikroskopisch auf die jeweilige Location konzentrieren. Somit wird die Welt zu einer eigenen Filmfigur.

Die Tuck-Pendleton-Maschine – null Defekte!

Denn was man aus Garten und Kinderzimmer lernen kann, kann man auch auf andere Miniwelten in unserer Hemisphäre anwenden. Während Rick Moranis´ Kinder nur durch Zufall geschrumpft sind, gab es auch so manche gewollte Miniaturisierung. Ein Kleinod meiner Kindheit war die tschechische Fernsehserie EIN HAMSTER IM NACHTHEMD, in der es um eine Schrumpfmaschine ging. Zwar nur im Traum, dennoch. Um in das Gehirn seines Großvaters zu reisen, kriecht Held Karl über die Hörmuschel eines Telefons in die Windungen eines Ohres. Der menschliche Körper ist eine dieser Mikrokosmen, in die sich bislang wenige Verfilmungen gewagt haben. Zwei davon allerdings sind absolute Klassiker. DIE PHANTASTISCHE REISE von 1966 erzählt von Wissenschaftlern, die sich mit einem U-Boot aufmachen, im Körper eines Patienten ein Blutgerinsel zu entfernen. Die Reise wird zu einem phantastischen Trip in eine Welt, wie sie atemberaubender nicht sein kann. Blutbahnen, Fresszellen, Antikörper, davon handelt auch DIE REISE INS ICH von Joe Dante. Um den Arsch eines Hypochonders zu retten wird Tuck Pendelton in selbigen injiziert, notwendigerweise. Auch AUF DER JAGD NACH DEM NIERENSTEIN spielt im Inneren eines menschlichen Körpers. Es ist erstaunlich, dass bislang kein Remake jener Klassiker realisiert wurde. Gerüchteweise hatte James Cameron eine Neuverfilmung von DIE PHANTASTISCHE REISE in Planung, in 3D, was in diesem Falle sogar wünschenswert wäre. Geht es um Miniaturisierungsmaschinen, dann sind die Grenzen zur Science-Fiction fließend. Doch da es in Filmen wie DIE REISE INS ICH stärker um die Wirkung der neuen Welt geht als um die Funktionsweise einer Maschine, gehören auch diese Filme ins Genre Fantasy.

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Wie verhält es sich dann mit TRON? Der Klassiker von 1982 nimmt sich einer interessanten Miniwelt an, dem Inneren eines Computers. Statt Riesenbienen oder Killerviren muss man sich dort mit Bits, Bytes und…verdammt, Killerviren herumschlagen. TRON ist tricktechnisch und retrospektiv betrachtet ein ungemein beeindruckendes Erlebnis gewesen und ist es immer noch. Doch die Gesetze der Computerinnenwelt sind lasch und nicht übermäßig originell. Zwar gibt es Datenautobahnen, Schaltkreiskreuzungen und witzige Ein-Bit-Programme, die nur Ja und Nein sagen können, aber ganz konsequent wurde diese Miniaturwelt nicht zu Ende gedacht. Das macht RALPH REICHTS besser, obwohl es hier hauptsächlich um Videospielfiguren geht. Doch funktionieren deren digitale Fantasywelten stimmiger. Auch die Fortsetzung TRON LEGACY wirkt eher verkopft und abstrakt. Miniwelten in Festplatten oder der Arbeitsalltag auf dem Motherboard, das klingt eigentlich nach einem Fall für Pixar? Eine interessante Miniwelt steckt auch in dem Film MENSCH, DAVE! mit Eddie Murphy. Dort landen Außerirdische Winzlinge mit ihrem Raumschiff auf der Erde. Das Raumschiff allerdings hat die Größe und Statur eines gewöhnlichen Menschen, naja, nennen wir das Kind beim Namen, das Raumschiff sieht aus wie Eddie Murphy. Für die winzige Crew um den Kapitän, der ebenfalls von Eddie Murphy gespielt wird, ist der Umgang mit dem Lebensraumschiff sehr strapaziös. Obwohl der Film verrissen wurde wie nix, finde ich, macht er seine Sache mit dem konsequenten Umgang einer Miniaturwelt gar nicht so schlecht.

Das Stecknadel-Massaker

Doch Miniaturisierung kann nicht nur das Genre Science-Fiction schrammen, auch Fantasyhorror spiegelt, wenn auch selten, Liliputaspekte in Geschichten wieder. Ebenfalls ein Klassiker ist THE INCREDIBLE SHRINKING MAN von Jack Arnold, der diesmal nicht Riesenspinnen wie TARANTULA thematisiert, sondern das seltsame Schrumpfen des Mr. Scott Carey, der in einem Puppenhaus wohnt und der mit einer Spinne um ein Stück Brot kämpft. Auch in ATTACK OF THE PUPPET PEOPLE kommt es zur Begegnung der mikroskopischen Art, darüber hinaus sind Fantasyhorrorfilme um Miniwelten Mangelware. Horror funktioniert wohl eher im anderen Extrem, wie oft wurden riesige Ameisen, Spinnen und Urzeitechsen auf wehrlose Charaktere losgelassen? Aber auch ein Garten kann für jemanden in Fingerhutgröße eine Horrorvorstellung sein, mit tödlichen Gefahren. Doch dürfte man Filme wie EARTH MINUS ZERO oder LIEBLING, ICH HABE DIE KINDER GESCHRUMPFT kaum als Fantasyhorror bezeichnen. Einen schaurigen Ort findet man in der gewöhnlichen Welt wohl schneller als eine Miniwelt mit Horrorbezug. Schade eigentlich, eine Horrorversion von DIE REISE INS ICH wäre gar nicht so uninteressant. Der Begriff Ausweiden bekommt da eine völlig neue Bedeutung.

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Sind zwischen Vorgarten, Spielzeugtruhe, Wurmfortsatz und Ramriegel schon alle Miniaturwelten ausgeschöpft? Wer wurde denn gleich von einem Walfisch verschluckt? Gibt es eine Welt, die einfach so daliegt und noch filmisches Brachland ist? Wie wäre es mit der Welt der Physik, Atome, Neutronen, Quarkse oder ein Held namens Higgs Boson? Was gibt es denn sonst noch für Miniwelten? Im Motorraum eines Traktors zum Beispiel? Kühlschrank? Die unendlichen Weiten einer Damenhandtasche? Vielleicht sind Miniaturfilme so selten, weil es ein riesiger Aufwand ist, eine authentische Kulisse zu erschaffen. Denn ein Realfilm um Winzlinge, die über einen Hosenknopf stolpern, ist immer aufregender als ein Animationsfilm, bei dem die Miniwelt am Computer generiert wird. Doch die Zeiten von Großkulissen sind leider vorüber. Aber vielleicht gibt es sie noch, die geheimnisvolle Welt, irgendwo da Draußen, dessen Potential noch unentdeckt ist. Augen offen halten und langsam laufen. Wir wollen doch keine Borger zertreten.

Der Beitrag erschien bereits auf Christians Blog: Traumfalter Filmwerkstatt.

In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL hat es sich Christian Hempel zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die ihn bis weit nach seinem Lebensende beschäftigen wird. Er legt insbesondere den Fokus auf Dramaturgie und Buch, wird sich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

In der nächsten Folge:

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Christian Hempel
Christian Hempel ist Stoffentwickler, Drehbuchautor, Dramtaturg und Betreiber der Traumfalter Filmwerkstatt. Er beschäftigt sich vorrangig mit nationalen und internationalen Genrefilmen und Retrospektiven. Als Autor ist er verantwortlich für das Subgenrekompediums "Die kleine Genrefibel".
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Christian Hempel

Christian Hempel ist Stoffentwickler, Drehbuchautor, Dramtaturg und Betreiber der Traumfalter Filmwerkstatt. Er beschäftigt sich vorrangig mit nationalen und internationalen Genrefilmen und Retrospektiven. Als Autor ist er verantwortlich für das Subgenrekompediums "Die kleine Genrefibel".

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