Genrenale 2015: Free Monkeys, Der Jackpot, Wächter der Spieluhr, Dunkelkammer

Am 11. und 12. Februar hat die 3. Genrenale im Berliner Kino Babylon ihre Pforten geöffnet. Knapp vierzig FilmemacherInnen präsentieren auf dem Festival ihre Visionen für den neuen deutschen Genrefilm. Eine zuweilen irre Fahrt durch die Möglichkeiten des modernen Erzähl- und Unterhaltungskinos Made in Germany.

Am ersten Tag der 3. Genrenale standen zu Beginn vier sogenannte ‚Shots‘ auf dem Programm. 105-minütige Blöcke, in denen jeweils fünf Kurzfilmbeiträge am Stück präsentiert werden. Zusätzlich wurde das Publikum mit Film-Trailern in Stimmung gebracht. Auf diese will ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen, verweise nur auf den skurrilen ‚Alien Tampon‘ und den Trailer des Warnehmungs-Thrillers ‚Nocebo.‘ Zuweilen wirklich sehr gut gemacht. Apropos gut gemacht. Wie wir schon in unserem Genrenale-Interview mit den Organisatoren festgestellt haben, geht alles natürlich immer besser, was in erster Linie an der Finanzierung liegt. Deutscher Genrekino ist keine Cash-Cow und so sehen sich die zum großen Teil jungen Filmemacher dem unausweichlichen Punkt: Anspruch trifft Wirklichkeit gegenüber. Um so löblicher, dass die Macher mit dem TV Sender Tele 5 einen Partner gefunden haben, der 100% hinter dem Festival steht, ohne sich allerdings zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Kleine Randbemerkung: Wer nicht wusste, dass er sich gerade auf einem Genre-Festival befindet – okay, gemein, da allen Anwesenden dies durchaus bewusst war – hätte man am frühen Mittag auch vermuten können, dass es sich hierbei um ein Trashfilm-Treffen einiger Freaks handelt. Aber nur für einen Augenblick, denn als der Vorhang gelüftet wurde, fand man sich in einem bunten Genre-Mix wieder, der unterhaltsam, spannend, brutal, erschreckend, aber auf keinen Fall billig wirkte. So soll es sein.

Free Monkeys

Der Titel ist meiner Meinung nach ein wenig verwirrend, denn hier geht es nicht um einen zoologischen Befreiungsfilm, Kevin James lässt grüßen, sondern um eine kritische Auseinandersetzung mit unserem kapitalistischen System und dessen Folgen. In dem Kurzfilm des Filmemachers Cengiz Akaygün sehen wir einen mittelalten Mann, ein verantwortlicher Manager eines monopolistischen Global Players wie wir erfahren, der von Unbekannten gekidnappt wurde. Nach intensiver Folter – die der Film nur in Rückblenden andeutet – reden die Entführer auf den misshandelten und nervlich angeschlagenen Manager ein, der keine Ahnung hat, was und vor allem warum all das mit ihm geschieht. Im Laufe des Filmes wird ihm seine Rolle immer mehr bewusst. Mit welcher Konsequenz? Das wollen wir nicht verraten. Im Prinzip handelt es sich bei ‚Free Monkey‘ um ein Kammerspiel zweier Männer, deren gegensätzliche Leben und Weltanschauung hart und ungebremst aufeinanderprallen. Ein kritischer Beitrag zur Wohlstandsgesellschaft und den Konsequenzen, welche ärmere Ländern durch westliches Gewinnstreben zu ertragen haben. Der Film wurde zuvor bereits auf zwölf anderen Festivals rund um den Globus gezeigt.

Der Jackpot

Um nicht gleich völlig frustriert aus dem Kino zu marschieren, haben die Organisatoren aus den insgesamt 120 Einsendungen mit dem als Ruhrpott Komödie angekündigten Beitrag ‚Der Jackpot‘ einen skurrile Nummer aus dem Hut gezaubert, die zuweilen in seiner Ästhetik an Guy Ritchies ‚Snatch‘ erinnerte. Nur das hier eine der Hauptfiguren nicht in Zigeunersprache nuschelt, wie Brad Pitt, sondern in einem Mischmasch aus Schwäbisch und Sauerländisch. Klingt komisch. Ist es auch. Wie der Titel bereits andeutet, geht es um einen Lottogewinn, bzw. in diesem Fall um einen Lottoschein, der dem Besitzer einen Gewinn von etwas mehr als 4 Millionen Euro verspricht. Während vor der Verlautbarung der Gewinnzahlen das Trio sich noch einige war, freundschaftlich zu teilen, will danach keiner der Drei davon was wissen. Das Setting ist hauptsächlich im Freien auf einem abgelegenen Bahnhofsgelände angelegt. Und da liegt, neben der nicht wirklich sehr originellen Geschichte, auch der Haken. Man merkt dem Film sein geringes Budget an. Draußen drehen spart Geld für Licht. Die Figuren wirken im Ansatz unterhaltsam, aber eben auch viel zu gewollt überzeichnet, Stichwort Tourette, so dass am Ende leider zu sagen bleibt, dass sich das Peter Hinze Kollektiv das hinter diesem Film steht und sich mittlerweile über Stuttgart, Köln und Berlin verteilt, noch ein wenig Zeit braucht seinen eigenen Stil zu finden. Das sie das tun werden, da bin ich mit sicher, denn die Ansätze sind durchaus vielversprechend für einen deutschen Film.

Wächter der Spieluhr

Der 26-minütige Spielfilm des Regisseurs Marco J. Riedl kann mit Hanno Friedrich, Ensemble Mitglied der von 2002 bis 2009 auf Sat.1 ausgestrahlten Comedy Serie ‚Sechserpack‘, mit einem bekannten Gesicht aufwarten. Dazu hat der Regisseur mit Martin Kessler (Nicolas Cage; Brad Pitt) und Charles Rettinghaus (Jamie Foxx; Robert Downey Jr.) zwei erfolgreiche Synchronsprecher in petto, die, nach Aussage des Regisseurs, durch ihre Stimme dem Film einen amerikanischen Look verleihen sollten. Ein Trick dessen sich Filmemacher Riedl, Gewinner des Shocking-Shorts-Award 2010 für ‚On Air‘, öfter bedient. Soviel zu den Rahmenbedingungen. Der Film an sich siedelt sich zwischen Fantasy und Sci-Fi an. Ein Familienvater (Hanno Friedrich) um die 19. Jahrhundertwende schließt seine Vergangenheit in eine Schatulle/Spieluhr, um diese zu vergessen. Den Schlüssel überreicht er seiner kleinen Tochter Verlanda (was für ein Name) mit dem Auftrag ihm diesen erst auszuhändigen, wenn er bereit sei, sich der Vergangenheit zu stellen. Das Vergessen zu beenden. Ein paar Jahre vergehen. Die Landidylle ist erdrückend schön, wirkt aber irgendwie zu schön, um wahr zu sein. Unwirklich. Als ein mysteriöser Mann (Martin Kessler) im Anzug und mit Melone, man fühlt sich für einen Moment an Pan Tau erinnert, kommen dem Vater erste Zweifel an seiner heilen Welt. Die Realität verzerrt sich zunehmend. Und wir bekommen eine Ahnung: Nichts ist wie es scheint. In diesem Fall scheint es ziemlich gut. Die Schauspieler beherrschen ihr Fach. Die Storyline ist solide erzählt – auch hier leider nichts Neues, abgesehen vom idyllischen 1900er Setting – die Ausstattung ist glaubwürdig und die Effekte sind ebenfalls solide umgesetzt. Durchaus spannende Ansätze für eine längere Geschichte. Ein wenig dran feilen müsste man aber noch.

The Last Show

Clownerie hat seit dem Massenmörder John Wayne Gacy und seinem Hobby als Pogo der Clown auf Kindergeburtstagen aufzutreten, seine Unschuld verloren. Die von Gacy inspirierte Clownsfigur, gespielt von Tim Curry, aus Stephen Kings ‚Es‘ tat ihr Übriges. So mussten auch zwei der ‚The Last Show‘ Macher in der anschliessenden Fragerunde eingestehen seit Kindertagen unter einer Clowsphobie zu leiden. Geschadet hat es diesem 6 Minuten Splatter Movie mit Motion Comic Elementen nicht. Zu harten Gitarrenklängen schlachtet eine Gruppe bemalten Psychopaten die anwesenden Kinder und Jugendlichen eines Jahrmarktes nieder. Das sieht toll aus, ist mega brutal und schlägt den Trashstreifen ‚Killer Clowns from Outterspace‘ um Längen. Gebt diesen Filmemachern Geld, damit sie ihre Geschichte, die in der gezeigten Version, hauptsächlich als Musikvideo konzipiert wurde, ausbauen zu können. Das kann nur gut werden.

 Dunkelkammer

Ein Horrorfilm aus Deutschland. Verantwortlich für Drehbuch, Regie und Schnitt ist Matthias Wissmann. Wie? Der ehemalige Verkehrsminister macht jetzt in Horror? Natürlich nicht. Dieser Herr Wissmann studiert an der Hochschule in Offenbach Medien und hat mit dem heutigen Lobbyisten Matthias W. außer dem Namen nichts am Hut. In seinem Kurzfilm ‚Dunkelkammer‘ geht es um eine sonderbare junge Frau, die ein antikes Fotogeschäft ihr eigen nennt. Tagsüber zieht sie durch die Straßen und fotografiert ihren heimlichen Schwarm. Die Bilder werden zu Hause in ihrer Dunkelkammer entwickelt. Ihr Freund ist verzweifelt und verlässt sie mit dem Vorwurf, dass sie einfach nicht mit im redet. Männer, ich weiß, Traumfrau. Eines Tages kommt es zu einem Treffen mit dem Objekt der Begierde. Klingt romantisch, wäre da nicht diese dunkle Seite an der dunkelhaarigen Dame, die diesem Film zu seinem blutigen Finale führt. Nichts für schwache Nerven. Floskelalarm. Ist in diesem Fall aber absolut anwendbar. Interessanter inhaltlicher Ansatz, den man gerne noch länger verfolgt hätte.

Infos zu allen Filmen, Programm und Ticketpreise unter: www.genrenale.de

 

Ninja Tim
Tim`s Serienkarriere begann in den 1980er Jahren mit »Ein Colt für alle Fälle«, »Simon & Simon«, »Trio mit 4 Fäusten«, »Miami Vice«, »Matlock« und den ZDF Weihnachtsserien »Silas« und »Jack Holborn«. Zu seinen Favoriten zählen »The Walking Dead«, »True Detective«, »Modern Family«, »Deadwood«, »Law & Order«, »King of Queens«, »The Wire«, »The West Wing« und »The Newsroom«. Aktueller Favorit: »The Strain«

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Tim`s Serienkarriere begann in den 1980er Jahren mit »Ein Colt für alle Fälle«, »Simon & Simon«, »Trio mit 4 Fäusten«, »Miami Vice«, »Matlock« und den ZDF Weihnachtsserien »Silas« und »Jack Holborn«. Zu seinen Favoriten zählen »The Walking Dead«, »True Detective«, »Modern Family«, »Deadwood«, »Law & Order«, »King of Queens«, »The Wire«, »The West Wing« und »The Newsroom«. Aktueller Favorit: »The Strain«

1 Comment

  • Antworten Februar 13, 2015

    GenrenaleSerien Ninja

    […] Tag 1 bzw. die dort gezeigten Kurzfilme hatte Tim bereits gestern berichtet, einige Highlights von Tag 2 der Genrenale habe ich mir allerdings ebenfalls nicht entgehen lassen. […]

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