Gone Girl: Die kalten Augen der Rosamund P.

David Finchers Psycho-Thriller „Gone Girl“ ist eine bittere Abrechnung mit der Oberflächlichkeit der öffentlichen Wahrnehmung, ausgetragen über den Trümmern einer Ehe. Dass dieses Lehrstück aufgeht hat Fincher vor allem einer Person zu verdanken: Der Darstellerin seines verschwundenen Mädchens.

Nick (Ben Affleck) und Amy (Rosamund Pike) sehen aus wie das perfekte Paar. Sie die wohlhabende Tochter eines Schriftsteller-Paares, das aus seiner Tochter die Heldin einer Reihe von Bestsellern gemacht hat. Er der bodenständige Smart-Boy, der so einen tollen Fang angemessen auf Händen tragen kann. Doch seit dem Umzug der Beiden in eine ländliche Kleinstadt kriselt es heftig im Hause Dunne. Als Nick eines Tages nach Hause kommt ist Amy verschwunden, Spuren deuten auf Einbrecher und eine Entführung hin, von Amy gibt es keine Spur. Schnell wird der Fall zum Medienspektakel und schnell gerät auch Nick ins Fadenkreuz der Ermittler. Hat er seine Frau umgebracht?

Mehr als nur Ehe-Bashing

Vieles in Gone Girl wirkt auf den ersten Blick irritierend plakativ: Eingekleidet in ein massentaugliches Krimi-Szenario veranstaltet Regisseur Fincher in dieser Bestseller-Adaption einen genüsslichen Abgesang auf das zeitgenössische angelsächsische Verheiratet sein. Ein Film, den man nicht am Tag seiner Hochzeit ansehen sollte. Doch dem Film geht es um mehr, als nur das weitere Aushöhlen der ohnehin schon löchrigen Institution Ehe. Gone Girl ist ein kalt-zorniger Film, der nicht die persönlichen Fehlentscheidungen eines Ehepaares anklagen möchte. Stattdessen schnaubt er verächtlich die gesamte Öffentlichkeit an, den stupiden Hunger der Massenmedien, die Leichtgläubigkeit der Menschen, den Drang immer gleich die Schlussfolgerung zu ziehen, die als die offensichtliche erscheint. Der Finger zeigt auf die einfältigen Sensationsreporter, die amoralischen Rechtsanwälte, die blökende Publikumsherde.
Die vielen Haken, die der Verlauf dieser Geschichte schlägt, sorgen dafür, dass der Film trotz seiner Länge von 2 1/2 Stunden unterhält, sie sind aber nicht der Kern von Gone Girl. Wenn dieser Film einen Kern hat, der ihn davor rettet, ein überkandidelter, mittelmäßiger Thriller zu sein, dann ist es Rosamund Pike in der Rolle der Amy Dunne. „Amazing Amy“, die scheinbar perfekte Ehefrau, deren Verschwinden die Ereignisse auslöst. Und die weit mehr ist, als eine Ehefrau, die darauf wartet, von ihrem treusorgenden Ehemann gerettet zu werden – mehr soll aber inhaltlich nicht verraten werden.

Diese Frau ist zu allem bereit

Rosamund Pike ist seit über einem Jahrzehnt eine bekannte, geschätzte und gut beschäftigte Schauspielerin. Ihre internationale Filmkarriere begann als Bond-Girl ins Pierce Brosnans Abschieds-Eiertanz „Stirb an einem anderen Tag“ (Der Titel verursacht immer noch Hirnblutung) und seitdem hat sie in über 20 Kinofilmen mitgespielt, vom britischen Autorenfilm (An Education, Stolz & Vorurteil) über Blockbuster-Schlock (Surrogates, Doom – Der Film, Kampf der Titanen) bis hin zu Nerdkino (The World’s End) war alles dabei. Sie drehte an der Seite von Tom Cruise, Bruce Willis, Johnny Depp, Dwayne Johnson – den größten Hollywood-Stars unserer Zeit. Nur selbst ein Star ist die 35-jährige dabei irgendwie nicht geworden. Wenige Menschen würden sie wohl auf der Straße erkennen, zumindest außerhalb von L.A. oder London. Dabei scheint sie auf dem Papier wirklich alles mitzubringen: Klassische, elegant blonde Schönheit im Stil einer Grace Kelly und genug Schauspieltalent, um damit so unterschiedliche Regisseure wie Edgar Wright und Joe Wright zu überzeugen. Die zwar zufällig denselben Nachnamen haben, aber völlig verschiedene Filme drehen.

Liegt das daran, dass Rosamund Pike eine Spur zu perfekt wirkt? Wie das Mädchen damals aus der Oberstufe, dass man nie mochte, obwohl sie so hübsch war? Von der man anhand der schönen Oberfläche verächtlich denken möchte: „Heimlich hat die bestimmt eine Essstörung oder so, oder kokst.“ Da scheint ein kalter Ehrgeiz in diesen Augen zu liegen, der einen misstrauisch werden lässt. Nicht zuletzt spielt sie auch in „Stirb an einem anderen Tag“ das Bond-Girl, das 007 schließlich hintergeht. Doch gleichzeitig wirkt Rosamund Pike auch wie eine Statue aus Eis, die man nur heftig genug anstoßen muss, um sie zu zersplittern. Die trotzige Anti-Heldin, ein Rollentypus, der Schauspielerinnen wie Kate Winslet Weltruhm eingebracht hat, nimmt man ihr nicht ab. Eher die zerbrochene Porzellanpuppe, die ihre eigenen Scherben dazu nutzt, um andere damit zu schneiden.
Diese Qualität macht Pike zur Idealbesetzung des „Gone Girl“ Amy Dunne. Man glaubt ihr diese Figur. So überzeichnet Amy Dunne in manchen Momenten auch geschrieben ist, so steif, lebensfremd und „irreal“ der Film zeitweise insgesamt wirkt, Rosamund Pikes Darstellung verliert im Taumel der Plot-Twists nie ihre Glaubwürdigkeit. Ihre Getriebenheit trägt den Film über die Zielgerade.
Damit spielt sie ihren Film-Ehegatten Ben Affleck im Grunde an die Wand, der über weite Strecken eine seltsam müde Performance bietet, bei der stets der Star Affleck jede Art von Charakterarbeit überstrahlt. Doch auch hier muss man genauer hinsehen. Fincher inszeniert den vermeintlichen Protagonisten Nick Dunne letztlich als wenig sympathischen Hemdsärmel, der gerade durch das abtörnende Affleck-Spiel nie der Held dieser Geschichte wird. Man mag ihn nicht, man gönnt ihm nichts. man freut sich richtiggehend über jede charakterliche Entlarvung seinerseits. Fast möchte man ihn im Gefängnis sehen, nur weil man ihn so wenig leiden kann. Hier schließt sich der Kreis und der Film wirft einem wieder und wieder die bittere These vor die Füße: Wichtig ist nicht, was passiert ist. Wichtig ist, wonach es aussieht.

Der kalte Triumph der Oberflächlichkeit

Gone Girl hält damit auch einer gesellschaftlichen Bewegung den Spiegel vor, der es nicht mehr um das Erleben und das Wahrnehmen von Ereignissen geht, sondern nur noch um deren Inszenierung und anschließende Archivierung. Solange auf dem Bild alle lachen ist es egal, dass es niemand tut, sobald die Kamera weggesteckt ist. Für einfache Erklärungen ist am Schluss keine Gelegenheit, niemand läuft hier als Sieger vom Platz. Stattdessen endet diese tiefschwarze Parade menschlichen Fehlverhaltens auf einer Note, bei der die zynische Seele auch zu dem Schluss kommen kann: Jeder hier hat bekommen, was er verdient. Oder es sich eben einfach genommen. Solange das nur ins rechte Licht gerückt ist, geht das.

All das packt David Fincher in einen hypnotisch gefilmten Thriller mit erstklassiger, atmosphärischer Sound-Kulisse, für die wieder einmal Trent Reznor und Atticus Ross sorgen. Neil Patrick Harris bekommt außerdem einen herrlichen Auftritt als naiver Schleimbeutel, der ganz ohne seinen berühmten „How I met your mother“-Schalk auskommt. Rosamund Pike könnte dieser Film endgültig zum Star machen – oder zumindest im nächsten Frühjahr eine Oscarnominierung. Nach dem enttäuschenden „Girl with the Dragon Tattoo“ hat David Fincher wieder einen Film abgeliefert, der im Kopf hängen bleibt. Und von dem man, je mehr man darüber nachdenkt, das Gefühl hat, ihn nochmals sehen zu müssen, um diesmal abseits der Achterbahn-Handlung auf die Details zu achten, die man zunächst übersehen hat. Selbst Ben Affleck kann das nicht verhindern. Wenn das mal kein Lob ist…

Ninja Philipp

Ninja Philipp

Redakteur at Serien Ninja
Wo immer etwas über einen Bildschirm flimmert, ist Philipp nicht weit! Wahrscheinlich kommt das daher, dass er in seiner Kindheit nicht viel fernsehen durfte. Das kommt davon, liebe Eltern! Heute konsumiert er mit Vorliebe alles, was mit Science-Fiction, Superhelden, Zombies, fiktionalen Königreichen, Robotern, Römern oder zwischenmenschlichen Problemen zu tun hat. Krimis findet er jetzt nicht so spannend, interessante Dokumentationen dafür umso mehr.
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@konsumkind

34 | Fels in Brandenburg | Hier ist nicht mal mir zum Lachen
@nachtlos Und pleite. - 5 Stunden ago

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Wo immer etwas über einen Bildschirm flimmert, ist Philipp nicht weit! Wahrscheinlich kommt das daher, dass er in seiner Kindheit nicht viel fernsehen durfte. Das kommt davon, liebe Eltern! Heute konsumiert er mit Vorliebe alles, was mit Science-Fiction, Superhelden, Zombies, fiktionalen Königreichen, Robotern, Römern oder zwischenmenschlichen Problemen zu tun hat. Krimis findet er jetzt nicht so spannend, interessante Dokumentationen dafür umso mehr.

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