Los Ángeles – Interview mit Regisseur Damian John Harper

Am 29. Januar startet das Auswanderungsdrama „Los Ángeles“ in den deutschen Kinos. Wir haben uns zum Filmstart mit dem Regisseur und Autor des Films Damian John Harper getroffen und mit ihm über mexikanische Gangs, Rodeo-Reiter und Emigration gesprochen.

Damian John Harper ist ein wahre Weltenbummler. Eigentlich kommt er aus Boulder, Colorada und bevor er sich entschloss, Regie an der HFF München zu studieren, arbeitete er bereits als Anthropologe in Mexiko und Höhlentaucher in Brasilien. Für sein Kinodebüt Los Ángeles (das man spanisch betonen muss!) ist der 36jährige zu den Menschen zurückgekehrt, mit denen er bereits vor seiner Karriere als Filmemacher eine Menge Zeit verbrachte. Worum es in Los Ángeles geht, erklärt euch der sympathische Regisseur, der mit seinem neuen Werk letztes Jahr auch auf der Finale vertreten war, am besten selbst:

„Der Film handelt von Familie. Von der Liebe zur Familie, von der Problematik Familie. Von Bruderliebe. Der Film erzählt die Geschichte von einem jungen Mann, Mattheo, der ist 17 und möchte wie viele Mitglieder seiner zapotekischen Gesellschaft im Süden Mexikos in die Vereinigten Staaten reisen, um dort zu arbeiten. Um seine alleinstehende Mutter und seine kleinen Geschwister zu ernähren. Der junge Mann entscheidet, bevor er abreist, sich mit der lokalen Gang einzulassen. Damit er, wenn er auf der anderen Seite ankommt, dort ein Gefühl von Schutz und Familie hat. Er erklärt sich bereit in diese Gang einzutreten, ihm wird aber erst in diesem Moment bewusst, was sie ihm dort für Aufgaben geben werden, um ein Vollmitglied zu werden.“

Du kanntest die Volksgruppe der Zapoteken, die Du jetzt filmisch beleuchtest, schon viel länger, als Du eigentlich Filme machst, stimmt das?

Das ist richtig. Ich kenne diese Leute schon seit 2000/2001, da hatte ich ein knappes Jahr in dem Dorf gelebt und mit ihnen gearbeitet. Seitdem pflege ich den Kontakt zu ihnen, weil ich damals natürlich viele Freunde gewonnen habe. Es ist quasi wie eine Pflegefamilie für mich. Es gibt da bestimmte Leute, die ich liebe, als ob sie meine Großeltern oder Eltern wären.

Wie kam es dazu, dass Du dort ein Jahr gewohnt hast?

Ich hatte in Colorado Anthropologie studiert und am Ende meiner Ausbildung war ich für ein Semester in Chihuahua im Norden von Mexiko. Da hatte ich an einer Grundschule gearbeitet und gesehen, wie die Kultur im nördlichen Mexiko so ist. Als Gegenpart dazu wollte ich erfahren, wie das Leben im Süden Mexikos so aussieht. Das Land ist sehr vielfältig, es gibt viele verschiedene Sprachen und Kulturen. Ich hatte immer über die Zapoteken und über ihre Überlebensstrategie gelesen. Das ist eine indigene Gemeinschaft und ihre Überlebensstrategie ist, dass sie in die Vereinigten Staaten emigrieren. Sie arbeiten dort und schicken das Geld nach Hause und auf diese Art und Weise können sie ihre indigene Kultur noch am Leben erhalten.

(c)Farbfilm Verleih

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Das wollte ich hautnah kennenlernen und ich bin einfach von Chihuahua aus in den Bus gestiegen, dorthin gefahren und habe angefangen, mit den Leuten zu reden, bis ich diese Gemeinde gefunden habe.

Der Film hat etwas sehr „authentisches“, auch weil Du ausschließlich mit lokalen Laien-Darstellern gearbeitet hast. Warum hast Du dich dazu entschieden und wie macht man sowas dann? Hängt man einfach ein Schild in die Mitte des Dorfes“ Schauspieler gesucht“?

Meine Absicht war, deren Geschichte zu erzählen. Ich fände das unpassend, deren Geschichte mit Menschen von außerhalb zu erzählen. Das genügt schon, dass ich von außen komme. Welches Recht habe ich, diese Geschichte zu erzählen? Mir war es wirklich sehr wichtig, dass die Menschen selber ihre eigenen Geschichten erzählen. Mir war es auch total wichtig, dass sie ihre eigene Sprache sprechen. Dass sie Zapotekisch sprechen und nicht Spanisch. Es wäre ein ganz anderer Film geworden, wenn ich professionelle Darsteller aus der Großstadt in das Dorf mitgebracht hätte.
Der Casting-Prozess war ganz schön spannend und musste auch ganz schön schnell gehen. Ich hatte praktisch 30 Tage Zeit um etwa 20 Rollen zu besetzen. Ich habe dann angefangen, nach Leuten zu fragen. Natürlich habe ich erst nach der Hauptrolle gesucht und mich deshalb mit allen jungen Rodeoreitern aus der Gegend getroffen. Denn es gibt eine Szene, wo der junge Mann auf dem Stier reitet und da gibt es gar nicht so viele mutige junge Männer in dem Alter, die bereit sind, das zu machen.

(c)Farbfilm Verleih

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Ich habe dann mit allen gesprochen und so ging es dann einfach weiter. Bei jeder Rolle musste ich in eine andere Subkultur eintauchen und mit dieser Gruppe sprechen. Für die Rolle der Mutter hatte ich viel mehr Menschen zur Auswahl, als für die Rollen der Gangmitglieder. Für die Rolle des Antagonisten gab es nicht so viele Leute zur Auswahl. Ich musste mich dann einfach irgendwann für einen entscheiden. Ich habe dann allerdings mit den Leuten genauso gearbeitet, wie wenn ich mit professionellen Schauspielern in Deutschland Werbung mache.

Liegt man da nicht zwischendurch nachts wach und denkst sich: „Oh Gott, was ist, wenn ich niemanden finde?“

Die Zeit hatte ich garnicht! Ich wusste: Irgendwann kommt das Team aus Deutschland an, irgendwann kommt das Team aus Mexiko an und wir müssen anfangen zu drehen. Ich hatte meine Auswahl von Menschen vor mir und ich musste eben sehen: Wer ist verantwortungsbewusst? Wenn jemand sagt, er ist um acht Uhr morgens da, ist er dann auch wirklich um acht Uhr morgens da? Wir ticken hier in Deutschland auf einer ganz anderen Uhr als die ländlichen Mexikaner. Die fügen ihr Leben aus ganz anderen Regeln zusammen. Also wer ist verantwortungsbewusst und wer kann auch spielen? Wer ist gut vor der Kamera und mit wem habe auch ich eine gute Chemie?

(c)Farbfilm Verleih

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Eigentlich haben diese Entscheidungen sich selbst getroffen. Diese Menschen sind quasi aus sich rausgekommen und haben gesagt: Jetzt spiele ich diese Rolle.

Wie lange hat denn die Arbeit an dem Film für Dich gedauert? Also Dreh plus Nachbearbeitung?

In Tagen oder so kann ich das so genau gar nicht sagen. Wir haben im Jahr 2013 auf der Berlinale zum ersten Mal das Drehbuch präsentiert im Rahmen des sogenannten „Talent Projekt Market“. Das ist in etwa der kleine Bruder des „Co-Production Market“. Also statt 200 Stoffen gibt es nur 10-15 Stoffe, alles Erstlingsfilme. Da haben wir das Drehbuch an den Mann gebracht. Berlinale 2014 haben wir dann den fertigen Film gezeigt. Also die Tatsache, dass ich quasi 13 Jahre an diesem Stoff gebrütet hatte…plötzlich ging das alles ziemlich rasant und innerhalb von 365 Tagen kam es vom Drehbuch bis zum fertigen Film.

Der Film behandelt auch eine Thematik, die ja gerade auch in Europa wieder sehr aktuell ist. Wieviel Hintergrundrecherche steckt in so einem Stoff?

In diesem Fall schon viel. Ich hatte 10 Monate in dem Dorf gelebt, innerhalb von 13 Jahren bin ich immer wieder dorthin. Immer wieder Briefe geschrieben, damals noch, jetzt haben viele dort Internet, jetzt kann ich Facebook-Nachrichten schicken. Da ist ganz viel Vorbereitung, um überhaupt erst deren Vertrauen zu gewinnen. Überhaupt ein Foto machen zu dürfen. 2000 war ich zum ersten Mal da, ich glaube ich habe erst 2006 das erste Foto gemacht. Viel später ist mir erst bewusst geworden, dass ich diese Geschichte in Form eines Films erzählen muss.

Wie beurteilst Du selbst die Situation dort? Gerade was die Brutalität der Gangs angeht. Bietet sich da überhaupt die Möglichkeit etwas zu verbessern und ertrinkt man da gleich in der Komplexität der Probleme?

Ich kann eigentlich das ganze Land gar nicht betrachten. Wenn man das Land Mexiko als Ganzes betrachtet ist es eine echte Tragödie, die da stattfindet, dieser Krieg der da herrscht. Es ist unglaublich kompliziert und es unterscheidet sich auch von einer Region zur nächsten richtig stark. Ich kann nicht über das Land sprechen, aber ich kann über das Dorf sprechen. Meine Erfahrung ist dort: Die machen schon alles richtig. Wenn es ein Problem gibt, dann behandeln sie das Problem, dann gehen sie hin und reden mit den Leuten. Es wird verhandelt. Das ist die Antwort in diesem Mikrokosmos. Aber was in dem Land insgesamt alles passieren muss, darauf habe ich leider auch keine kluge Antwort.

Die Gang- Situation wird im Film ja auch fast als alternativlos dargestellt. Ist das denn so, bzw. nimmt man das so wahr?

Das hängt von den Personen ab. Ich habe viele Freunde, die für die Arbeit nach L.A. gegangen sind und es ist ganz schön schwer, je nachdem, wo man wohnt. Es gibt da schon krasse Viertel. Stell Dir mal vor, Du bist da illegal, Du kannst die Sprache nicht und Du willst eigentlich Geld verdienen, aber es ist schon zu schwer, überhaupt von Deinem Haus zur nächsten Bushaltestelle zu kommen. Das ist eine ganz schön krasse Welt in manchen Vierteln dort. Und ich hatte Freunde, die, nachdem sie zum zehnten Mal ausgeraubt wurden, gesagt haben: Ich muss mich irgendwie davor schützen. Und die Gangs sind eben eine Möglichkeit des Schutzes. Viele Leute suchen auch einfach Liebe, Familie und deswegen lassen sie sich auf solche Umstände ein. Manchmal sind es die Freunde, die einen mitziehen. Es gibt ganz verschiedene Motivationen.

(c)Farbfilm Verleih

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Im Fall des Films: Matteo möchte natürlich für seine Familie sorgen. Aber er möchte sowenig kämpfen wie möglich. Und er weiß: Wenn er zu dieser Gang gehört und drüben ankommt, hat er erst einmal einen Schutz, dann kann er arbeiten und so weiter. Der Gang-Eintritt ist also eine Entscheidung für seine Familie.

Hattest Du selbst Berührungspunkte mit der Gang-Welt? Also ist Dir da jemals jemand auf die Pelle gerückt, weil Du diesen Film machst?

Nein. Also ich bin in diesem Dorf viel sicherer, als ich in Berlin, Hamburg, München bin. An diesem Fleck Erde kann mir viel weniger passieren, als hier. Aber der Film spricht auch nicht vom Narkokrieg und dem organisierten Verbrechen. Der Film spricht von jungen Männern, die in einer Phase sind, in der sie im Grunde schon verloren haben. Ich habe aber Thematiken wie korrupte Polizisten gar nicht angesprochen, deswegen hatte ich auch keinen Grund, Angst zu haben.

Was ist die Botschaft, die Europäer aus diesem Film ziehen können, gerade im Bezug auf das Thema Einwanderung?

Ich möchte eher etwas fragen, als etwas sagen. Diese Menschen, egal ob sie aus Mexiko kommen um in den USA zu arbeiten, oder ob sie aus Afrika oder dem Nahen Osten kommen, um in Europa zu arbeiten, sind alles Menschen mit einer Herkunft. Und ich möchte, dass wir darüber nachdenken: Wo ist denn diese Herkunft? Was sind ihre Motive? Ich möchte, dass wir uns kritisch damit auseinandersetzen: Warum fühlen sie sich verpflichtet, hierher zu kommen? Was ist es, dass sie suchen? Die meisten Menschen wohlen einfach ihre Kinder ernähren. Ich habe Deutsch zusammen mit vielen Einwanderern gelernt, Kurden, Iraker, Palästinenser. Sie wollen einfach ein besseres, gesundes Leben führen, genauso wie wir.

Wie geht es für Dich nach „Los Ángeles“ weiter?

Ich wohne und arbeite hier. Das heißt aber nicht, dass jeder Film hier gedreht wird. Ich bin in erster Linie Amerikaner und das ist immer noch mein Zuhause. Ich habe aber auch einen europäischen Stoff, an dem ich schreibe. Spielt in vielen Ländern, aber hoffentlich kriege ich auch ein paar Drehtage in Deutschland. Fände ich auch ganz passend, wenn ich schon hier arbeite und wohne.

Vielen Dank für das Gespräch, Damian!

Damian John Harper

Falls ihr nun neugierig auf das spannende Drama geworden seit, Los Ángeles läuft ab dem 29. Januar 2015 in 18 deutschen Städten in den Kinos! Wo genau, könnt ihr beispielsweise hier herausfinden.
Mehr Information zu dem Film gibt es auf der offiziellen Homepage zum Film und wer noch mehr über den Regisseur des Films herausfinden möchte, ist auf der Homepage von Damian John Harper genau richtig.

Ninja Philipp

Ninja Philipp

Redakteur at Serien Ninja
Wo immer etwas über einen Bildschirm flimmert, ist Philipp nicht weit! Wahrscheinlich kommt das daher, dass er in seiner Kindheit nicht viel fernsehen durfte. Das kommt davon, liebe Eltern! Heute konsumiert er mit Vorliebe alles, was mit Science-Fiction, Superhelden, Zombies, fiktionalen Königreichen, Robotern, Römern oder zwischenmenschlichen Problemen zu tun hat. Krimis findet er jetzt nicht so spannend, interessante Dokumentationen dafür umso mehr.
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