Lou Ferrigno – Der Muskelmann aus der zweiten Reihe

Man muss sich nur den Dokumentarfilm ‚Pumping Iron‘ aus dem Jahr 1977 anschauen. Im Doku-Drama von George Butler versucht ein junger, etwas tumb wirkender Zweimetermann mit schlechter Aussprache den ultimativen Bodybuilder seiner Zeit in die Schranken zu verweisen. Der junge Mann ist Lou Ferrigno und sein Widersacher Arnold Schwarzenegger, bis heute mit sieben Mr. Olympia Titeln der erfolgreichste Bodybuilder seiner Zeit. Und Lou Ferrigno? Die Geschichte eines (beinahe) Unvollendeten. 

Während der New Yorker Frischling Lou Ferrigno, trainiert von seinem liebevollen Vater, 1975 das erste Mal an dem besagten Mr. Olympia Wettbewerb teilnimmt, ist es Arnolds (vorerst) letzter Auftritt bei diesem bedeutenden Wettbewerb der Bodybuilding-Szene (Arnie kehrte nach 5 Jahren Pause 1980 zurück auf die Mr. Olympia Bühne und holte aus dem Stand erneut den Titel). Am Ende des in ‚Pumping Iron‘ dokumentierten Wettbewerbs wird Ferrigno 3. Der damals schon mit Bodybuilding Equipment und Ernährung zum Millionär gewordene Arnold Schwarzenegger triumphiert erneut. So ähnlich kann man auch die Filmkarriere der ungleichen Kontrahenten miteinander vergleichen. Ungleich, da Ferrigno im Bodybuilding nie die großen Erfolge feierte, was wiederum auch an seiner für einen Bodybuilder überproportionalen Größe gelegen haben könnte. Seine fehlende Geschmeidigkeit in der Performance – schöne Szene im Film, wie Arnold ihm etwas spöttisch Tipps gibt – könnte ein weiteres Puzzleteil seines fehlenden Durchbruchs gewesen sein.

Mr. Olympia 1975

Arnold Platz 1. Lou Platz 3.

Während sich der smarte Arnold in den Folgejahren an die Spitze von Hollywoods Action-Kino kämpfte – woran man aufgrund der Geschäftstüchtigkeit und des Ehrgeizes des gebürtigen Österreichers eigentlich auch keinen Zweifel haben konnte – landete Ferrigno 1978 bei der TV-Serie ‚Der unglaubliche Hulk‘. Sprechen musste er da nicht, wie wir alle wissen, denn Bruce, bzw. in dieser Serie David Banner wurde damals von Bill Bixby gespielt. Die Fortsetzungsfilme wie ‚Die Rückkehr des unheimlichen Hulk‘ (1988), ‚Der unheimliche Hulk vor Gericht‘ (1989) und ‚Der Tod des unheimlichen Hulk‘ (1990) lassen wir an dieser Stelle unkommentiert. Nachdem also die Serie 1982 beendet wurde, stand Lou 1983 für den Low-Budget Film ‚Herkules‘ vor der Kamera. Die Geschichte ist kurios: Herkules Pflegeeltern werden ermordet und so macht sich der Krieger auf den Weg nach Troja um diese zu rächen. Er verliebt sich in Cassiopeia, die allerdings bereits einem König versprochen ist, sodass ihr Göttervater Zeus Herkules, wegen dessen Avancen auf das weite Meer hinaus schleudert. Zauberer, Hydra und die Unterwelt stellen sich dem liebestollen Herkules bei der Rückkehr zu seiner Liebsten in den Weg. Der Film erhielt vernichtende Kritiken. Ronald M. Hahn schrieb im Fantasy Film Lexikon: „Wenn man es nicht auf der Leinwand sähe, man würde diesen idiotischen Mythen-Eintopf mit seinem rosa blubbernden Wackelpudding (alias Phönix) und den diversen Stahlmonstern aus dem Märklin-Baukasten nicht für möglich halten.“

Lou Ferrigno als sentimentaler Held Herkules

Schwarzenegger hatte 1969 ebenfalls eine Filmkomödie in der Titelrolle des griechischen Helden gedreht, allerdings unter dem etwas dämlichen Pseudonym Arnold Strong. ‚Hercules in New York‘ erhielt damals nicht viel bessere Kritiken, aber das lag mittlerweile viele Jahre zurück und die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Zumindest im Falle des Mannes aus der Steiermark, dessen ‚Conan der Barbar‘ (1982) und in der Folge ‚Conan der Zerstörer‘ (1983) bereits erfolgreich in den Kinos gezeigt wurden. Ganz zu schweigen von DER Rolle überhaupt: dem ‚Terminator‘ (1984). Und Lou Ferrigno? Trotz der vernichtenden Kritiken des ersten Teils stieg der damals 34-jährige zwei Jahre später wieder in die Ledersandalen und kehrte mit ‚Die Abenteuer des Herkules‘ nicht in die Kinos, sondern direkt in die Videotheken zurück. Plakativer formuliert: ‚Lou Ferrigno, in einer seiner größten Rollen, stellt sein Können als Halbgott Herkules erneut unter Beweis.‘ Eine der treffendsten Kritiken lautete: „Trash! Wer Muckis mag, kommt auf seine Kosten. (Wertung: 1 Stern von möglichen 5, entspricht „richtig schlecht“)“. Spätestens jetzt könnte man mit dem kleinen Lou richtig Mitleid bekommen. Auch was er sich im Laufe der 1980er und 1990er filmisch angetan hat, passt eigentlich auf keine Kuhhaut. Ich vermute Ralf Möller (‚Haialarm auf Mallorca‘) als einen seiner verständnisvollsten Kumpel.

Gott sein Dank gibt es aber für nette große Jungs aus New York so etwas wie späte Gerechtigkeit. ‚King of Queens‘ die Sitcom mit Kevin James und Leah Remini (Glückwunsch zum Scientology Ausstieg) als Doug und Carrie Hefernan hievte Lou Ferrigno endlich in den so sehnlich gewünschten Starstatus. Sein regelmäßiger Cameo-Auftritt als sympathischer Nachbar des streitbaren Paares, zeigte die humorvolle Seite Ferrigno`s und ließ den italienischstämmigen US-Amerikaner zu einer Kultfigur werden. Es folgten verdiente Cameos als Wachmann bei der durchaus sehenswerten ‚Hulk‘ Verfilmung von Ang Lee (2003), sowie Sprechrollen als grünes Monster für den (schlechten) ‚Der unglaubliche Hulk‘ (2008) mit Edward Norton und auch bei ‚Marvel`s The Avengers‘ (2012) durfte der große Schwarze mit dem grünen Gesicht dem CGI Monster sein Timbre verleihen. Nicht zuletzt diese Engagements festigten den Status des Hünen, der für viele der einzig wahre ‚Hulk‘ ist. Ob unheimlich oder unglaublich ist letztendlich völlig egal. Hauptsache in packt nicht wieder das ‚Herkules‘ Fieber. Auch wenn der Film mittlerweile in der Trashszene äußerst beliebt ist, ein neues Abenteuer braucht es nun wirklich nicht.

Ninja Tim
Tim`s Serienkarriere begann in den 1980er Jahren mit »Ein Colt für alle Fälle«, »Simon & Simon«, »Trio mit 4 Fäusten«, »Miami Vice«, »Matlock« und den ZDF Weihnachtsserien »Silas« und »Jack Holborn«. Zu seinen Favoriten zählen »The Walking Dead«, »True Detective«, »Modern Family«, »Deadwood«, »Law & Order«, »King of Queens«, »The Wire«, »The West Wing« und »The Newsroom«. Aktueller Favorit: »The Strain«

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Tim`s Serienkarriere begann in den 1980er Jahren mit »Ein Colt für alle Fälle«, »Simon & Simon«, »Trio mit 4 Fäusten«, »Miami Vice«, »Matlock« und den ZDF Weihnachtsserien »Silas« und »Jack Holborn«. Zu seinen Favoriten zählen »The Walking Dead«, »True Detective«, »Modern Family«, »Deadwood«, »Law & Order«, »King of Queens«, »The Wire«, »The West Wing« und »The Newsroom«. Aktueller Favorit: »The Strain«

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