Misfits: Interview mit Regisseur Jannik Splidsboel

In den letzten Jahren hat sich in den USA einiges für die LGBT-Community verändert, besonders in Sachen Legalisierung der homosexuellen Ehe. Regisseur Jannik Splidsboel stellte auf der Berlinale seinen Film ‚Misfits‘ vor.

In ‚Misfits‘ geht es um ein LGBT-Jugendzentrum inmitten von 2000 Kirchen in der US-amerikanischen Stadt Tulsa. Schwul und Kirche, kann das funktionieren? Wir trafen Jannik zum Interview und sprachen mit ihm über seine Suburbia-Klischees, Religion, Hass und Toleranz.

Jannik, wie bist Du auf das Jugendzentrum in Tulsa aufmerksam geworden?

Ich hatte einen Artikel in einer amerikanischen Zeitung über diesen Ort geschrieben. Ich war neugierig, wer die Kinder dort sind. Warum haben sie sich für ihr Coming Out entschlossen und warum nicht gewartet? Ich hatte das Bedürfnis, dort hinzugehen und mehr darüber herauszufinden. Bis ich dort war, stellte ich mir ein kleines Haus eingezwängt zwischen zwei Kirchen vor.

Standen die Protagonisten von Anfang an fest?

Anfangs hatte ich viele verschiedene Kids, die ich alle sehr mochte. Aber manche von ihnen konnten nicht im Film sein, weil ihre Eltern gar nicht wussten, dass sie das Jugendzentrum besuchten. Ich wollte verschiedene Protagonisten mit verschiedenen Problemen. Sie sind alle auf einem anderen Weg: Der eine findet seine Familie, die andere verlässt ihre und einer ist auf der Suche nach seiner Familie. Ich habe außerdem nach Protagonisten gesucht, die gerne im Film sein und ihre Geschichte teilen wollten.

Was sicherlich nicht immer einfach war?

Nein, wenn man mit jungen Menschen zusammen arbeitet, denken die zuerst: „Klar, das macht doch Spaß in einem Film zu sein.“ Aber ich habe ihr Leben über einen Zeitraum von zwei Jahren verfolgt, und dann macht das natürlich nicht immer Spaß. Manchmal haben die sicher gedacht: „Oh Mann, jetzt kommt der schon wieder nach Tulsa, und folgt mir überall hin.“

Die Aufnahmen der Häuserfassaden erinnern sehr an das typische amerikanische Suburbia-Klischee. War das die Aussage: Von außen sieht alles nett aus, aber niemand kann wissen, was in den Häusern wirklich vorgeht und welche Probleme es im Innern gibt?

Genau, denn wenn du das erste Mal durch Tulsa fährst, ist dein Eindruck: „Das ist ja nett hier.“ Ordentliche Häuser, gepflegte Gärten. Fast so wie ein Mix aus ‚Desperate Housewives‘ und ‚Twin Peaks‘. Ein sehr interessanter Ort zum Filmen. Man will direkt herausfinden, was in diesen netten Häusern so vor sich geht. Und auch in den Kirchen, denn da sind überall Kirchen. In denen wird eine Menge über Hass gesprochen, was eigentlich nicht sein sollte. Das widerspricht sich in meinen Augen.

Wie standen die Kirchengemeinden deinem Projekt gegenüber? 

Als ich da war, traf ich ein paar Priester. Aber die waren schwul. Also waren sie natürlich tolerant. Die anderen Kirchengemeinden waren mir gegenüber sehr verschlossen und wollten uns nicht reinlassen. Sobald die einmal rausfinden, dass welche von den Kindern schwul oder transgender sind, lassen sie die nicht mehr rein.

Der Film fängt an mit einer Szene, in der eine Protestaktion den Hass gegenüber der LGBT-Community deutlich zeigt. Im Laufe des Films folgen aber verhältnismäßig wenig Szenen, in den die beiden Gemeinschaften aneinander prallen. Woher kam die Entscheidung, sich auf den Alltag der Kinder zu beschränken?

Ich hatte mich gleich zu Anfang entschieden, nur Szenen zu filmen, in denen die Kids auch wirklich anwesend sind. Ich wollte keine Szenen faken. Die suchen ja nicht nach Ärger. Das hätten wir zwar gefilmt, aber so war es einfach nicht. Die gehen ins Jugendzentrum, das in gewisser Weise ihr sicherer Hafen ist. Sonst hadern sie in der Schule, hadern mit der extrem konservativen Gesellschaft, aber suchen nie nach Raufereien. Ich wollte mich auf ihre inneren Konflikte fokussieren. Davon haben sie eine Menge, und ich glaube, sie müssen mit viel mehr Hindernissen zurecht kommen, als jeder normale Teenager.

Die Religiosität als innerer Konflikt. Inwiefern wird den Kindern in Tulsa der Glaube und die Religiosität aufgezwungen?

Ich glaube, dass man nie komplett seinem eigenen kulturellen Hintergrund oder der Erziehung entfliehen kann. Ich bin zum Beispiel als Protestant groß geworden. Jetzt glaube ich vielleicht nicht daran und gehe auch nicht nicht in die Kirche, aber ich bin immer noch ein Protestant in vielerlei Hinsicht. In dieser Gegend der USA wird einem der Glaube ganz extrem aufgezwungen. Die Kids hadern damit, dass sie selbst tatsächlich an Gott glauben, aber ihnen ständig gesagt wird, dass Gott sie nicht akzeptiert, weil sie homosexuell sind. Es ist diese ständige Frage, warum liebt mich Gott nicht? Tut er es nicht nur weil ich homosexuell bin? Deswegen leben sie immer mit dieser komischen Mischung aus Liebe für, und Angst vor der Religion.

Wie hat sich der Eindruck von Tulsa im Laufe der Zeit bei Dir verändert?

Bei meiner Ankunft hat mich ein kleines Kommitee am Flughafen begrüßt. Darunter auch Freiwillige aus dem Jugendzentrum. Ich hatte eine fantastische Zeit dort, und hab mich immer Willkommen gefühlt. Letztens habe ich gelesen, dass Tulsa einer der gefährlichsten Orte der USA ist. Das sind sicher nur Statistiken. Aber ich glaube, dass es stimmt. Weil sich die Leute dort das Recht rausnehmen im Namen Gottes alles zu tun. In ihren Augen handeln sie Rechtens. Ihr Glaube legitimiert es. Ich finde das total angsteinflößend. Dort zu filmen war spannend, aber leben würde ich dort niemals.

Viele von den Kids sprechen davon, dass sie auch nicht ihr Leben lang in Tulsa leben wollen. Werden sie wirklich einmal aus Tulsa wegziehen? Gab es konkrete Pläne?

Ich glaube viele von den Kids in Tulsa wollen nichts als raus da. Aber viele von ihnen können nicht, weil ihnen das Geld fehlt. Früher war es normal, in andere Städte zu ziehen oder sogar den Staat zu wechseln, aber die wirtschaftliche Krise hat es fast unmöglich gemacht. Viele von den Kinder sitzen deswegen in Tulsa fest. Besonders Benny wäre gerne weggezogen, aber auch er weiß nicht so recht, was er in einer anderen Stadt machen würde. Ich hoffe sehr, dass sie früher oder später wegziehen.

Benny’s Geschichte war besonders bewegend. Ich fand es faszinierend wie sein Bruder den Weg von krasser Ablehnung hin zur Akzeptanz gegenüber seinem schwulen Bruder fand. Hast Du seine Familie ausgewählt, um zu zeigen, dass sich eine konservativ-religiöse Meinung auch ändern kann?

Genau, anhand seiner Familie wollte ich zeigen, dass es total in Ordnung ist, eine schule Person in der Familie zu haben. Ich glaube, wir können uns einer Veränderung nur annähern, indem wir darüber reden. Mehr reden, offener sein und sich weniger schämen. Ich habe viele Eltern und Familien getroffen, die sich geschämt haben und nicht wussten, was der nächste Schritt sein sollte. Falls man sich mit etwas nicht gut fühlt, aber auch nicht darüber redet, dann wird der Schmerz dadurch nur wachsen. Und am Ende passiert etwas Schlimmes. Der Konflikt muss vorher gelöst werden. Das Thema muss benannt werden: „Wir haben ein schwules Kind in der Familie, wir müssen darüber reden, was machen wir jetzt?“ Dann kann es gar kein großes Problem werden.

Wie viel Veränderung hat es in den Köpfen der Menschen durch die Legalisierung der Homo-Ehe in vielen Staaten deiner Meinung nach gegeben?

Durch soziale Netzwerke verändert sich gerade viel. Leute sehen Homosexualität in einem neuen Licht. Aber ich bin nicht allzu optimistisch. Wir müssen noch lange weiterkämpfen. Es kann nicht sein, dass jemand vor den Augen Gottes nicht die Person lieben darf, in die sich er sich eben verliebt hat. Egal ob Mann oder Frau. Aber wenn man sich mal von den USA löst und betrachtet was in Russland, in Uganda oder im Iran mit Homosexuellen passiert. Wir haben definitiv noch einen sehr langen Kampf vor uns.

Hier geht es zur ‚Misfits‘- Kritik.

Ninja Nora

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Autor at Serien Ninja
Die Seriensucht hat für Nora mit Buffy, Charmed und The O.C. angefangen. Damals noch deutsch synchronisiert, heute nur noch im englischen Original. Was für eine Generation davor die alten Star Wars Filme bedeuten, ist für sie die Lord of the Rings-Trilogie. Wählt ihre Serien gerne anhand von geliebten SchauspielerInnen aus. Zur Zeit gehören "Game of Thrones" und "The Originals" zu ihren Favoriten.
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