One & Two: Interview mit Regisseur Andrew Droz Palermo

Wenn sich zwei Menschen nahe kommen, sich komplett aufeinander einlassen und sich eine ganz eigene Dynamik zwischen ihnen entwickelt, das ist für den US-amerikanischen Regisseur Andrew Droz Palermo Magie auf der Kinoleinwand. Beziehungen zwischen Personen sind für ihn der Kern eines jeden Films, auch seiner eigenen Filme.

In seinem Debütfilm „One & Two“ wohnt eine vierköpfige Familie abgeschattet von unserer Welt, ohne Elektrizität allein auf dem Land. Ein Bruder und eine Schwester entwickeln aus ihrer engen Bindung übernatürliche Kräfte. Im Interview sprach Andrew Droz Palermo mit uns nach der Premiere seines Films auf der Berlinale über Distanz und Nähe in familiären Beziehungen.

In „One & Two“ scheint es, als ob die übernatürlichen Kräfte aus Liebe und einer tiefen Bindung entstehen. Inwiefern stimmt das und gibt es andere Menschen mit Kräften in deren Welt? Wie eine Superhelden-Welt, in der es viele verschiedene Kräfte gibt?

Andrew Droz Palermo: Ich weiß auch nicht genau, darauf wird im Film nicht eingegangen. Ihre familiäre Bindung ist für mich auf jeden Fall der Grund, weswegen das den beiden passiert. Es ist nicht eine außergewöhnliche Person, der das zustößt und plötzlich besondere Dinge tun kann. Es braucht Liebe und eine Bindung. Ob es Menschen mit anderen Kräften gibt? Ja, auf jeden Fall, da hab ich auch schon dran gedacht. Der Film beschränkt sich auf eine enge Welt, and wir lernen nur wirklich vier Personen kennen. Und zwei von ihnen haben Kräfte. Aber ich glaube, Daniel [der Vater] erwähnt irgendwann, dass er von Menschen in der Gemeinschaft seiner Großeltern gehört hat, denen das gleiche zugestoßen war. Anstatt es zu feiern und aufgeregt darüber zu sein, war es etwas, das für viel Verwirrung und Angst zwischen den Leuten gesorgt hat. Weil die Menschen es als gefährlich empfinden, wie wir im Film auch sehen.

Hast du bei der Beziehung der Geschwister im Film aus eigener Erfahrung geschöpft? Du selbst hast eine ältere Schwester, im Film ist es jedoch andersrum – der Bruder älter und die Schwester jünger.

Meine Schwester ist drei Jahre älter als ich, also Zac und Eva, gespielt von Timothee und Kiernan, genau umgedreht. Irgendwie wollte ich einfach einen älteren Jungen haben. So hätte er mehr Zeit, von seinem Vater und seiner Mutter indoktriniert zu werden, und für mich macht es Sinn, dass er so eher keine Regeln brechen würde und nicht die Dinge tun würde, die er gerne machen würde. Hingegen Eva, als die Jüngere, sie bringt alles durcheinander, ist furchtbar neugierig und begierig zu lernen, was sie machen kann. Was das Prinzip des Feigling zwischen mir und meiner eigenen Schwester angeht – ich hab schon immer zu ihr aufgeschaut und sie sehr bewundert. Ich denke, es stimmt, dass Zac es genauso bei Eva tut, obwohl sie jünger ist und er der ältere Bruder. Er ist trotzdem der Schüchterne und macht nicht, was er gerne tun würde. Wir haben versucht, das im Design seines Schlafzimmers zu reflektieren. Wir haben sein Zimmer zurückhaltender und femininer zu gestalten. Er ist derjenige, der Blumen sammelt und all diese femininen und dekorativen Dinge besitzt, während Evas Zimmer sich maskuliner anfühlt. Sie ist ein richtiger Draufgänger, vor nichts hat sie Angst. Das war eine sehr bewusste Entscheidung.

Wie war der Casting-Prozess? Wie ist die Entscheidung für Kiernan Shipka und Timothee Chalamet gefallen?

Es war ein sehr langer Prozess, wir haben uns mit vielen Kindern getroffen. Ich habe Gespräche mit einer Anzahl von Mädchen für Eva geführt, alles tolle junge Schauspielerinnen. Aber da war so eine wahrhaftige Energie, die Kiernan mit sich brachte. Ich wollte eine, die richtig selbstbewusst ist und das ist Kiernan. Gleichzeitig aber nicht ohne Anmut und Reife. Sie ist kein Elefant im Porzellanladen, sie bewegt sich sehr anmutig and elegant. Und ich hatte das Gefühl, dass ihre Rolle die Fähigkeiten einer Tänzerin voraussetzte, da ist ein echter Fluss in ihren Bewegungen.

Für Zac habe ich auch eine Menge Jungen gesehen. Mit Timothee sprach ich das erste Mal auf Skype, er war in New York und ich war in L.A. Wir hatten ein ziemlich langes Gespräch, und dann hat er auf Tape ein paar Szenen eingesendet. Dabei war sein langer Monologue, als ich das Tape bekam, wusste ich sofort, es war unglaublich. Er hat uns umgehauen, ich wusste sofort, dass er es werden würde. Als ich fertig war mit dem Schauen des Videos, hab ich meinen Laptop zu meiner Produzentin rübergeschoben und hab gesagt: „Das ist er. Ich weiß, dass er es ist.“ Sie sah es und sie hatte am Ende Tränen in den Augen, es war wunderbar. Und die beiden waren so wunderbar am Set, echt lieb und herzlich. Sie mochten sich beide sehr, das war natürlich toll. Die haben sich wirklich gut verstanden, in jeder Drehpausen die Zeit miteinander verbracht, viel gelacht und gespielt. Es war fast, als ob wir eine echte kleine Familie waren.

Und wie fiel die Entscheidung auf die Darsteller der Eltern, insbesondere Elizabeth Reaser als Mutter der beiden? 

Fast genauso, wir sprachen zuerst über Skype, Elizabeth und ich. Sie war so liebevoll, sorglos irgendwie. Wir hatten gleich am Anfang ein sehr persönliches Gespräch über Familie. Es war mir sehr wichtig, dass wir alles auf den Tisch legen konnten, alle Schmerzen und alles unsere Schwächen. Wir waren ehrlich, haben alles aufgewühlt und darüber gesprochen. Ein tiefes, und auch trauriges Gespräch über Familie. Und ich hab mir direkt gedacht: „Diese Frau, ich liebe sie.“ Ich hatte noch nicht mal ihr Arbeit als Schauspielerin gesehen! Dann habe ich mir einige ihrer Filme angeschaut, vor allem „Sweet Land“ hat es mir angetan. Da war sie großartig drin, deswegen war ich sehr aufgeregt, sie dabei zu haben.

In diesem Film wird Sprache in einer sehr besonderen Weise verwendet. Es wird wenig gesprochen, stattdessen gibt es eher Monologue aus dem Off, die Collagen aus Szenen begleiten. Wie hast du dich dafür entschieden?

Damit hatte ich schon in einem Kurzfilm von mir gespielt. Ich weiß nicht, wie es in deiner Familie ist, aber oft sagt man nicht wirklich die Dinge zueinander, die man wirklich fühlt. Und vor allem erklärt man sich nicht Dinge zur eigenen Vergangenheit, when man am Tisch zum Abendessen sitzt. So nach dem Motto: „Oh, erinnerst du dich noch an unseren Streit im letzten Jahr? Weißt du noch damals?“ Man lebt einfach damit. Und für mich, war es der einzige Weg in die Köpfe meine Charaktere reinzukommen, ihre inneren Monologue anzuhören. Wir wollten so nah und intim wie möglich sein, Voiceover schien dafür der richtige Weg. Eine Methode, mit der ich in der Vergangenheit gearbeitet hatte und die ich auch in Zukunft nutzen möchte. Das sind meine Lieblingsstellen im Film. Als Drehbuchautor gibt es einem die Möglichkeit, die verschiedenen Bilder in einen Fluss zu bringen, nicht nur an einer Struktur der Szenen festhalten zu müssen. Wenn Zac seinen Monologue hat, die Szenen haben wir an sechs verschiedenen Orten gedreht. Aber wenn er spricht, ist es ein durchgängiger Gedanke, an all diesen unterschiedlichen Orten. Das war echt spannend für mich.

Was außerdem sofort auffällt, ist die Beleuchtung des Films. Schummeriges Licht und Dunkelheit sind ein wichtiger Teil der Bildsprache. Wie kam es dazu?

Eine Menge davon entstand dadurch, dass wir uns über die Art des Lebens der Familie eine Menge Gedanken gemacht haben. Die benutzen keine Elektrizität und haben nur Kerzen. Darüber nachzudenken, wie dunkel ihr Zuhause bei Nacht sein müsste, abgesehen von den Lichtkreisen des Kamins und den Kerzen. Viele Häuser in Gemeinschaften der Mennoniten und Shakern wurden um Licht herum aufgebaut. Das gibt es sicher auch hier in Europa, dass sie die so ausrichten, um den Einfall des Sonnenlichts im Laufe des Tages zu maximieren. Das haben wir versucht nachzumachen, in der Bildsprache und Kameraführung. Wir haben uns an Fotografien aus verschiedenen Shaker-Gemeinschaften orientiert, mit langen wunderbaren Schatten. Sehr malerisch in gewisser Weise. Wir haben uns auch herbstliche Malerei angeschaut. So wie Christina’s World von Andrew Wyeth. Bilder, die auf den ersten Blick warm und wunderschön aussehen, aber einen sehr düsteren Unterton haben.

Der Film lässt einen großen Spielraum für den Zuschauer und für Interpretationen. Inwiefern ist das wichtig für dich?

Ich will nichts verschreiben, oder jemandem vorschreiben, wie genau er oder sie sich fühlen sollDenn das macht das Filmemachen doch erst interessant! Ich will nicht, dass der Film vorüber ist und ich denke: „Okay, das war’s. Jetzt weiß ich genau, was ich fühlen soll.“ Nein, ich will darüber sprechen. Ich will danach essen gehen und darüber diskutieren. Eben mit Freunden darüber sprechen und hören, was die darüber denken. Sich über die Dinge streiten und auch mal andere Meinungen haben oder komplett andere Interpretationen. Ich denke, das ist die richtige Schönheit von Kunst.

Dieser Film lief auf der Berlinale 2015 im Generation-Programm, für Jugendliche und Kinder. In Literatur gibt es schon lange sehr anspruchsvolle Bücher für junge Erwachsene. Inwiefern glaubst du, gibt es das auch in der Filmszene?

Als ich aufwuchs, sprachen mich viele Dinge, die ich sah, nicht wirklich an. Und wenn doch, dann waren sie viel ehrlicher, auch heftiger. Vielleicht auch ein bisschen gruselig oder ein bisschen brutal, aber solche Dinge berührten mich. Als Teenager fühlt man so viele verschiede Gefühle, man ist so launisch, erst himmelhoch jauchzend und dann tieftraurig. Es scheint, als ob viele Filme, die in Hollywood produziert werden, so feingewaschen sind. Es fühlt sich nicht so an, als ob sie das eigene Leben reflektieren. Jugendlich verspüren die ersten sexuellen Regungen, sie sind wütend, da gibt es so viele verschiedene Gefühle. Als ich anfing, diesen Film zu drehen, wusste ich nicht unbedingt, dass der Teenager ansprechen könnte. Aber in der Mitte stellte ich das dann irgendwann fest. Ich hab nichts an meiner Arbeitsweise deswegen verändert, also mal sehen, ob es das am Ende wirklich tut.

Die Beziehungen der Familienmitglieder stehen im Mittelpunkt des Films. Sind für dich Beziehung zwischen Menschen immer der Kern deiner Filme?

Etwas anderes gibt es doch nicht. Für mich sind die Beziehungen zwischen Menschen am Ende immer der Kern eines jeden Films. Sei es ein politischer Film, oder ein Thriller, es handelt doch immer von Menschen, die aufeinander treffen. In diesem Film geht es eben auch sehr darum, was passiert wenn Menschen sich voneinander abwenden, wenn sich Eltern von ihren Kindern entfernen. Aber was ich in letzter Zeit besonders an Filmen liebe, ist dieses großartige Gefühl, wenn zwei Charaktere zueinander finden und sich wirklich aufeinander einlassen, da gibt’s so viel Energie, fast elektrisch ist das.

Ninja Nora

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Autor at Serien Ninja
Die Seriensucht hat für Nora mit Buffy, Charmed und The O.C. angefangen. Damals noch deutsch synchronisiert, heute nur noch im englischen Original. Was für eine Generation davor die alten Star Wars Filme bedeuten, ist für sie die Lord of the Rings-Trilogie. Wählt ihre Serien gerne anhand von geliebten SchauspielerInnen aus. Zur Zeit gehören "Game of Thrones" und "The Originals" zu ihren Favoriten.
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