Schoßgebete – Quintessenz aus 10 Jahren Therapie?

Ist die neue Charlotte Roche Verfilmung „Schoßgebete“ den Gang ins Kino wert? Unsere Spezial Ninja Nora war am Roten Premieren Teppich in Berlin, hat mit den Schauspielern gesprochen und sich natürlich den Film für euch angeschaut. Ihre Einschätzung.

Über die Autobahn saust der Kombi, mit dem eingepackten Hochzeitskleid auf dem Dach festgezurrt. Das große Brautkleid, das nicht ins Gepäck im Flieger passte. Das Kleid, weswegen der Rest der Familie die Fahrt im Auto antrat. Keiner konnte ahnen, was kurze Zeit später passiert. Eine Massenkarambolage auf der Strecke. Nicht alle Familienmitglieder überleben. Als das verlobte Paar, bereits sicher am Zielort mit dem Flugzeug angekommen, die Nachricht am Telefon erfährt, scheint erst alles wie ein schlechter Scherz. Die zukünftige Braut Elizabeth Kiehl (Lavinia Wilson) und Hauptfigur des neuen Films Schoßgebete kann keine klaren Gedanken fassen. Ihr Leben hat sich von der einen auf die andere Sekunde geändert. Die Ereignisse um die trauernde Familie der jungen Frau werden danach von der Boulevardpresse bis aufs Letzte ausgeschlachtet. Dieses grausame Erlebnis ist Charlotte Roche, Autorin des gleichnamigen Romans, selbst im Jahr 2001 widerfahren. In Schoßgebete steckt viel von ihr selbst. Doch wer nach einer Fortsetzung von Feuchtgebiete sucht, ist hier falsch. „Fick mich zurück ins Leben“, denkt sich Protagonistin Elizabeth Kiehl zwar nach dem Unglück. Doch es scheint keine vollkommene Lösung zu sein, um wieder ins Leben zurück zu finden.

Neurosen und Sex

Lavinia Wilson spielt die Elizabeth Kiehl als starke, ständig plappernde Frau in den verschiedenen Phasen ihres erwachsenen Lebens. Mit so vielen Neurosen, wie andere Frauen Schuhe haben. Viel zu beschäftigt, über ihren eigenen Abgang nachzudenken, ändert sie jede Woche ihr Testament, plant für ihre Familie ein Leben ohne sie, und vergisst dann im Hier und Jetzt zu leben. Klischeehaft scheint die Bekenntnis, dass sie nur beim Sex völlig loslassen kann. Regisseur Sönke Wortmann webt spielend drei Erzählstränge zusammen: Einmal die Szenen der Vergangenheit, vor der Hochzeit und in verwaschenen Instagram-Filter-Farben, als die Welt noch in Ordnung war. Zweitens gibt es die Gegenwart, in der sich ihre Welt weiterdreht, mit ihrem neuen Freund Georg (Jürgen Vogel) und ihrer Tochter. Drittens sind da die Treffen mit ihrer Therapeutin, die Vergangenheit und Gegenwart nahtlos miteinander verweben.

Wahrheit oder Fiktion?

Vielleicht packt der Film einen nicht sofort, hat aber klare Botschaften, will zum Nachdenken anregen. Wenn Elizabeth und ihr Mann zusammen den Puff aufsuchen, um dort ihre Ehe auf Trab zu halten, geht nicht mehr um den Schock-Moment, sondern darum, wie eine solche Erfahrung für Mann und Frau im Nachhinein durchaus positiv sein kann. Wie ein kleines Abenteuer, dass das Ehepaar zusammen bestreitet. Passend wird alles sehr ästhetisch, ja fast vorsichtig gezeigt. Als ob der Film anderen Ehepaaren in einer festgefahrenen Ehe einen guten Rat geben will. Eine ähnliche Aussage zum Thema Therapie: Wenn Elizabeth ihre Gefühle umkrempelt und darüber spricht, tut es ihr gut. Ihre gute und verständnisvolle Therapeutin (Juliane Köhler) bedeutet ihr die Welt. Abgesehen von der Bezahlung, fühlt sich diese fast wie eine Freundin an, mit der ohne Scham über alles erdenkliche geredet werden kann. Die Schlüsse und Erfahrungen der Therapie machen einen großen Teil des Film aus. Beim Erscheinen des Buchs beschrieb es Charlotte Roche als die Quintessenz aus 10 Jahren Therapie. Genauso der Film: Emotional und ehrlich legen Charlotte Roche und ihre Protagonistin Elizabeth Kiehl alles auf den Tisch. Dabei bleibt es durchweg ein Rätsel, wie groß eigentlich der Anteil der Fiktion der Geschichte wirklich ist.

Trailer: Schoßgebete

Ninja Nora

Ninja Nora

Autor at Serien Ninja
Die Seriensucht hat für Nora mit Buffy, Charmed und The O.C. angefangen. Damals noch deutsch synchronisiert, heute nur noch im englischen Original. Was für eine Generation davor die alten Star Wars Filme bedeuten, ist für sie die Lord of the Rings-Trilogie. Wählt ihre Serien gerne anhand von geliebten SchauspielerInnen aus. Zur Zeit gehören "Game of Thrones" und "The Originals" zu ihren Favoriten.
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