True Detective Staffel 2: Die drei ??? und der fehlende Durchblick

Der Hype war riesig, die Vorfreude groß, doch die Frage war stets: Kann die zweite Runde der philosophischen HBO-Copshow „True Detective“ mit der gefeierten Debütstaffel mithalten? Das Fazit fällt ziemlich klar aus.

Das düstere Cop-Epos um die Polizisten Rust Cohle (Matthew McConaughey) und Marty Hart (Woody Harrelson) und ihre Jagd nach einem Serienkiller im heruntergekommenen Süden der USA sorgte letztes Jahr weltweit für Begeisterung. Dementsprechend schwer war das Erbe, welches das neue True Detective-Einsatzteam anzutreten hatte. Diese Staffel war vieles anders. Etwa vier Hauptfiguren, statt vor her zwei. Diese Vier finden sich in einen verzweigten Kriminalfall verwickelt. Die Ermittler Ani Bezzerides (Rachel McAdams) und Ray Velcoro (Colin Farrell) stehen dabei gemeinsam mit dem Highway-Patrol-Officer Paul Woodrugh (Taylor Kitsch) auf der Seite des Gesetzes. Gangster Frank Semyon (Vince Vaughn) versucht derweil, sich aus dem illegalen Geschäft freizukaufen. Als sein Geschäftspartner ermordet wird, steht nicht nur Franks Vermögen auf dem Spiel, er wird auch gemeinsam mit den drei Polizisten in eine Welt rund um Bandenkriege, Immobiliengeschäften, Mädchenhandel und Korruption verwickelt.

Was ist das Beste an „True Detective – Staffel 2“?

Es ist ja bei weitem nicht alles schlecht an dieser zweiten Staffel von HBOs Emo-Cops. Das Schauspiel etwa ist hier sicher nicht das Problem. Colin Farrell, Vince Vaughn, Rachel McAdams, Taylor Kitsch – die Hauptbesetzung spielt sich wirklich den Allerwertesten an. Vor allem Vince Vaughn macht Laune, denn als Frank, dem geleimten Gangster mit dem Rücken zur Wand, kann er perfekt seine Stärken ausspielen. Und das ohne gleichzeitig den typischen „Vince Vaughn“-Charakter (unreifer Schreihals mit flachen Sprüchen) abzuziehen. Colin Farrell kann die „Fucked up“-Cop Nummer natürlich im Schlaf, aber auch Rachel McAdams überzeugt als harte Polizeifrau mit leichtem Dachschaden. Und Taylor Kitsch steigert sich als depressiver Highway-Polizist wahrscheinlich deswegen so rein, weil er beweisen möchte, dass es für ihn ein Karriereleben nach John Carter & Battleship gibt. Hier fährt keiner auf Autopilot, alle wollen in ihren Rollen glänzen.

Auch wenn man oft nicht versteht, warum die Action passiert, wenn sie passiert, dann passiert sie. Die Shoot-Outs in der zweiten Staffel True Detective sind brutal-dynamisch inszeniert und in vielen Momenten fürchtet man (zu Recht) um das Überleben der Figuren. Trotzdem – kein Moment in Staffel 2 kommt an den großartigen Action-One-Shot am Ende von 1×04 heran.
Es gibt etliche tolle Momente in diesen acht Folgen, die für sich gesehen wirklich exzellent funktionieren. Zum Beispiel das „Sexuelle Belästigung“-Seminar in Folge 5, oder Woodrughs suizidale Motorradtour am Ende von Folge 1. Doch es wird leider begraben unter einer Lawine von langatmigen Laberszenen, bei denen der Durchblick oft schwer fällt.

Was ist das Schwächste an „True Detective Staffel 2“?

Das Tolle an der ersten Staffel True Detective war ja nicht, dass sie das Rad neu erfunden hat. Es war einfach ein klasse inszenierter, genial gespielter Psycho-Mystery-Thrillerkrimi ausgedehnt auf 8 Stunden. Und konnte deswegen seinen Hauptdarstellern soviel Platz zum Philosophieren und Toben geben, weil die Handlung um einen kindermordenden Serienkiller denkbar einfach war.
Doch offenbar wurden die Macher von True Detective von dem Wahn getrieben, nicht die Formel zu wiederholen, sondern in diese neuen acht Folgen Plot, Konflikt, Drama und Message reinzupacken, bis die Kiste kurz vorm Platzen ist. Und sich dabei in ein wirres Plot-Figuren-Gewirr hineingesponnen, das den Zuschauer ständig zwingt sich zu fragen: „Was ist hier eigentlich los? Und interessiert mich das überhaupt?“

Mittlerweile gibt es ausführliche Erklärungen im Netz, wie der Plot von True Detective Staffel 2 denn jetzt genau aufgebaut war, wer da wen beschissen hat, wer wen gekillt, wer jetzt genau dieser Caspere war und was das alles mit der Eisenbahn zu tun hatte. Und es ist nie ein gutes Zeichen, wenn sogar beim Lesen solcher Inhaltsangabe die Augen schwer werden. Von Anfang bis Ende blieb der Plot in True Detective Staffel 2 nicht nur nahezu undurchschaubar, sondern auch einfach uninteressant. So viele Namen, die man sich hätte merken sollen, so viele genuschelte Gespräche, deren Inhalt man aufmerksam verfolgen sollte, so viele Gesichter, die irgendwie alle gleich aussahen.
Die Detectives Hart & Cohle jagten in Staffel 1 noch ein fabelhaftes Monster – einen furchterregenden Leatherface-Verschnitt, der Albträume auslösen konnte. Hier wirkte alles abstrakt, unkonzentriert.

Schmerzlich vermisst: The Yellow King

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Ist das nicht viel cleverer? Vielschichtiger? Only if I give a fuck. Which I didn’t.
Das ist es außerdem wenig hilfreich, wenn Vaughn und Farrell sich die wichtigen Plot-Infos so unverständlich zunuscheln, dass Untertitel zur Pflichtaustattung werden.

Und sind wenigstens die Figuren selbst spannend, wenn es schon der Plot nicht ist? Na ja. Keiner der Charaktere ist so faszinierend wie McConnaugheys psychedelischer Einzelkämpfer Rust Cole oder so unterhaltsam wie Woody Harrelsons Marty Hart. Ach, das waren noch gute Zeiten mit den Beiden! Gerade Marty Hart sorgte in Staffel Eins immer wieder auch für lustige Lockerungsmomente. Hier läuft alles bierernst und spassbefreit ab.

Im Finale müssen sich die Hauptfiguren ausführlich gegenseitig den Plot erklären, damit wenigstens die Leute in der Serie kapieren, was los ist, wenn es schon die Zuschauer nicht tun. Dann verwandelt sich True Detective kurz in Scarface und verpasst seiner überkomplizierten Handlung ein übersimples BOOMMSHOOTOUTALLETOT-Ende, das auch mit sehr viel weniger Verwirrung hätte erreicht werden können.
Gewaltig genervt hat außerdem dieser billige Cliffhanger-Betrug am Ende von Folge 2 und die gelegentlich auftretenden konfusen Zeitsprünge.

Wer sollte sich „True Detective Staffel 2“ ansehen?

Leute mit viel Geduld, einem guten Gedächtnis und einem Hang zum theatralisch-Melancholischem. Die so richtig Freude daran haben, sich in eine komplizierte Geschichte reinzuhängen und gerne Szenen nochmal zurückspulen, um sicher zu gehen, dass sie auch alles richtig verstanden haben. Leute, die sich gerne die Inhaltsangabe einer Episode durchlesen, BEVOR sie sie gesehen haben.
Oder Leute, denen das Plot-Gewirr völlig egal ist und die nach düsterer Stimmung und ehrgeizig aufspielenden Schauspielern suchen, die aus diesem Monsterskript noch das bestmöglichste rausholen. Glühende Fans der vier Hauptdarsteller kommen hier auf alle Fälle auf ihre Kosten.

Wer sollte sich „True Detective Staffel 2“ nicht ansehen?

Alle anderen. Denn auch wenn es immer wieder helle Momente gibt, insgesamt sind diese acht Folgen eine dunkel-dröge Angelegenheit, bei der es schwer fällt, nicht zwischendurch auf dem Handy herumzuspielen oder sich innerlich über die lächerlich dick aufgetragene Ernsthaftigkeit und die lahm bedeutungsschwangeren Monologe lustig zu machen. Beides lenkt ab und verhindert spätestens ab Folge 2, dass man in der Handlung noch durchblickt.

Was gibt es sonst noch zu „True Detective Staffel 2“ zu sagen?

Bestimmt noch jede Menge. Diese Staffel True Detective ist ein klares Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Autor auf das „höher, schneller, weiter“-Prinzip setzt und in sein Skript alles erdenkliche unter der Sonne reinpackt.
Wird HBO auf das (überwältigend negative) Feedback zu dieser Serienstaffel reagieren? Wird sich Autor Nic Pizzolatto bei einer dritten Staffel wieder mehr auf den Grundsatz „Less is more“ besinnen? Denn in True Detective Staffel 2 gab es vor allem von allem zuviel. Zuviele Figuren, zuviel Backstory, zuviel Handlung, zuviel Botschaft, zuviel „Stuff“. Vielleicht ist das auch das Fazit: Next time, less stuff please!

Keine überkompliziert-öde Gangsterballade, die trotzdem klischeegetränkt ist. Wieder mehr Raum für schräge, psychedelische Momente und zwei klar definierte Hauptfiguren, deren Geschichte mit der Handlung sinnvoll verwoben ist. Oder holt doch für Staffel 3 einfach wieder Rust & Marty aus dem Ruhestand. Die Fans würden es sicher lieben.

Ninja Philipp

Ninja Philipp

Redakteur at Serien Ninja
Wo immer etwas über einen Bildschirm flimmert, ist Philipp nicht weit! Wahrscheinlich kommt das daher, dass er in seiner Kindheit nicht viel fernsehen durfte. Das kommt davon, liebe Eltern! Heute konsumiert er mit Vorliebe alles, was mit Science-Fiction, Superhelden, Zombies, fiktionalen Königreichen, Robotern, Römern oder zwischenmenschlichen Problemen zu tun hat. Krimis findet er jetzt nicht so spannend, interessante Dokumentationen dafür umso mehr.
Ninja Philipp

@konsumkind

33 | Fels in Brandenburg | Hier ist nicht mal mir zum Lachen
@livingxhell Du bist zu gut für ihn... - 7 Stunden ago

1 Comment

  • Antworten September 8, 2015

    Fr4nk

    Da muss ich mal ein kleines Veto einlegen. Ich stimme zwar zu, dass die erste Staffel besser war als die zweite, aber so einen Veriss hat die Serie nicht verdient. Für mich gehört auch diese Staffel zu den Top Serien, und ich danke dem Universum jeden Tag, dass HBO das Niveau von TV Serien derart angehoben hat, und weiterhin hält, und hier einen echte Alternative zum zZ. recht uninteressanten Blockbusterkino bietet. Das ist wirklich mal einen Bereicherung der Filmlandschaft.

    Ja die Handlung ist komplex um nicht zu sagen kompliziert. Ich habe die Serie auf Englisch gesehen, und trotz guter Sprachkenntnisse war das mitunter recht schwierig. Allerdings ist die Serie Charakter-getrieben und nicht Plott-orientiert. Deswegen versteht man die Serie auch, wenn man mal ein Detail, einen Zsuammenhang nicht kapiert hat. Der Plott dient nur als Vehikel. Wenn beispielsweise bei GoT in den Romanen 2000 Leute mitspielen, geht es da auch nicht daraum am Ende jeden beim Namen nennen zu können, und jeden kleinen Zusammenhang auswendig zu lernen. Da geht es um Atmosphäre, und um die Illusion einer plausiblen künstlichen (Fantasy-) Welt, es geht darum eine eine Fiktion zum Leben zu Erwecken. Suspense of Disbelief ist der Zauberspruch. Und so ähnlich sehe ich das bei True Detective. Es geht darum, die Charaktere glaubhaft zu entwickeln, und Zusammenhänge herzustellen. Dazu wird der Bogen groß gespannt, und dadurch bekommt diese Serie, die ja einen krass depressiven Grundton hat, ihr Glaubwürdigkeit und Faszination.

    Dass die Serie dem Zuschauer einiges an Aufmerksamkeit abverlangt liegt sicherlich auch daran, das trotz der langsamen Erzählweise, mit 4 Protagonisten viel erzählt wird. Da steht ja manchmal die Zeit still, und trotzdem passieren wichtige Dinge, die Serie ist auch sehr sehr verliebt. Alles ist miteinander verzahnt. Das ist halt anspruchsvoll gemacht, und wie ich finde auch verdammt gut geschrieben. Eigentlich ist das ein schöner Anachronimus zur restlichen Unterhaltungslandschaft. Dafür muss man sich hoffentlich nicht entschuldigen, ich sehe das jedenfalls positiv.

    Was man m.E. eher hinterfragen darf ist das Serienkonzept mit Staffeln, die keinerlei Bezug mehr zueinander haben. Im Prinzip geht es dabei doch nur noch darum, ein Label (in dem Fall „True Detective“) zu etablieren. Die Frage ist, braucht man das? Und schürt man da nicht einen Erwartungshaltung, die dann ev. nicht erfüllt wird bzw. werden kann? HBO ist doch bereits das Label…

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