Virgin Mountain: Interview mit Regisseur Dagur Kári

Gunnar Jónsson in 'Virgin Mountain' - 
© Rasmus Videbæk

Island ist ein kleines Land. Die Einwohnerzahl ist auf deutschem Kleinstadtniveau. Erstaunlich wie viel künstlerischer Output aus Musik, Film und anderen kreativen Disziplinen uns von dort immer wieder erreichen. Laut Regisseur und Musiker Dagur Kári liegt das an der immer präsenten kreativen Atmosphäre die dort herrscht. Kári selbst führt Regie bei nationalen und internationalen Filmen, ist Teil eines Musikduos und komponiert die Filmmusik zu seinen Filmen, während er im Schnitt sitzt. Ein vielseitiges Talent.

Sein Film ‚Virgin Mountain‚ war ein besonderer Höhepunkt des Berliner Filmfestivals, der dem begeistertem Publikum Lachen und Weinen gleichermaßen ins Gesicht trieb. Wir trafen Dagur Kári zum Interview und sprachen mit ihm über die Idee zu ‚Virgin Mountain‘, den Hauptcharakter Fúsi und unnötige Taglines, die komplexe Handlungen zu einem einfachen Satz komprimieren um Pitch-fähig zu sein.

Wie kam dir die Idee zu ‚Virgin Mountain‘ und eine Geschichte über den Hauptcharakter Fúsi zu erzählen?

Das fing alles mit dem Schauspieler Gunnar Jónsson an. Als ich ihn das erste Mal vor 15 Jahren sah, war er Teil einer Comedy-Gruppe, in einer wöchentlichen Fernsehshow. Vom ersten Moment an habe ich mich in seine Präsenz verliebt, als ich ihn sah. Ich wollte unbedingt sehen, wie er eine große, dramatische Hauptrolle übernimmt. Das hatte ich also für viele Jahre in meinem Kopf, dann drehte ich aber erstmal ein paar andere Filme. Aber dann, vielleicht vor vier Jahren, wartete ich am Flughafen und schaute aus dem Fenster. Und ich sah diese kleinen Autos des Bodenverkehrdiensts, die das Gepäck der Passagiere transportieren. Die sahen wir Spielzeugautos aus. Dann kam mir das Bild wie von alleine – ein massiges Mann, der in einem dieser kleinen Spielzeugautos sitzt. Das wurde die Metapher der Films. Im Grunde fiel mir so die komplette Geschichte ein, als ich auf mein Flugzeug wartete. Von einer Person, die irgendwie in der eigenen Kindheit gefangen ist. Er konnte sich nicht in einer normalen Weise entwickeln. Es kommt ein Punkt, da bleibt er stecken, irgendwo in der grauen Zone zwischen seiner Kindheit und dem Erwachsensein. Das ist vielleicht der Kern seiner Problems. Außerdem ist er eine Person, bei der es einem leicht fällt, die zu beurteilen. Wenn man einen solchen Mann sieht, sehr groß, massig, lange Haare, Kleidung mit Militärmuster, dann denkt man sich automatisch seinen Teil über wer er ist und was für ein Typ von Person. Der Film handelt davon, dass er tatsächlich eine ganz andere Person ist. Ein Charakter, der zuerst einfach gestrickt scheint, dann aber aus dem Muster rausfällt und den Zuschauern den Eindruck gibt, dass er wirklich eine gewisse Weisheit, Mut und Stärke hat.

Wie reagierte Gunnar Jónsson als du ihm das Drehbuch vorlegtest? Wie hast du ihn für die Rolle gewonnen?

Gunnar hat nie eine Schauspielausbildung gemacht, er arbeitet auch sonst nicht als Schauspieler. Er hat eine Menge kleine Rollen gespielt, in anderen Filmen und Komödien. Ich hab das Drehbuch geschrieben, ohne ihn zu fragen. Zu dem Zeitpunkt kannte ich ihn noch gar nicht. Ich war natürlich nervös, als ich das Drehbuch fertiggeschrieben hatte. Er ist der Film für mich. Falls er das Drehbuch abgelehnt hätte, dann hätte ich den Film auch nicht gedreht. So hab ich ihn also angerufen, da arbeitete er gerade als Koch auf einem großen Frachtschiff, es war ziemlich schwierig ihn überhaupt dort zu erreichen. Am Ende habe ich es endlich geschafft, ihm eine Email mit dem Drehbuch zu senden. Glücklicherweise hat er dann zugesagt. Von dem Moment an, haben wir nie über das Drehbuch gesprochen. Er hat das Drehbuch ungefähr ein Jahr bekommen, bevor wir mit dem Dreh angefangen haben. Und er hat nicht eine Frage dazu gestellt. Klar, wir haben uns auf einen Kaffee getroffen und uns kennengelernt, aber wir haben nie über seinen Charakter gesprochen. Dann haben wir mit dem Dreh angefangen und es war so, als ob es da dieses stille Einverständnis zwischen und gab. Ich hatte das Gefühl, dass er sich total auf diesen Charakter eingestellt hatte, er hat es wunderbar gemacht. Ich weiß nicht, was seine genaue Version der Rolle ist, wir haben nie drüber geredet. Er hat seine persönlichen Gründe dafür, eine Rolle wie diese anzunehmen, und wir mussten das auch nicht besprechen. Ich finde, dass er diese ganz besondere Präsenz auf der Leinwand hat, das fühlte sich ganz falsch an, das zu analysieren. Es hat einfach funktioniert und wir haben den Film gedreht, fast ohne miteinander zu sprechen.

Was macht für dich die Wärme und die Sympathie des Hauptcharakters Fúsi aus?

Mir kam er immer sympathisch vor, weil er eine Person ist, die schon viel Leiden durchmachen und eine Menge Schmerz erdulden musste, aber sich nie dabei selbst bemitleidet hat. Das ist es, was für mich eine Sympathie zu Fúsi herstellt. Egal, was ihm passiert, er macht immer weiter, beschwert sich nie, bemitleidet sich nicht, und kämpft sich weiter voran.

Der Film zeigt den Alltag von Fúsi. Der bringt eine Menge an Routinen mit sich – wie er sein Müsli isst, seine Standardbestellung im asiatischen Restaurant oder der abendliche Musikwunsch bei seinem Lieblingsradiosender. Wie bist du auf diese Routinen gekommen?

Die Routinen sind seine Art sich ein Behagen oder eine Zone der Behaglichkeit zu bauen. Er findet Trost in seinen Routinen, er lebt in einer kleinen Blase und ist mit seinem Leben zufrieden. Er will gar keine Veränderungen, aber es sind die äußeren Einflüsse, die ihn in die Richtung von Veränderung stoßen. Bei mir ist es ähnlich, ich kann mit Routinen etwas anfangen. Bei mir ist es etwas paradox, denn ich bin unglaublich unruhig, aber zur gleichen Zeit will ich auch nicht, dass sich etwas verändert. So finde ich Behagen darin, dass ich immer an die gleichen Orte gehe und Dinge in der selben Reihenfolge erledige. Als Regisseur ist das aber manchmal etwas schwierig, denn jede Phase ist sehr anders, keine zwei Tage sind gleich. Und das passt auch gut zu mir, aber ich brauche auch meine Routinen.

Fúsi und sein Leben sind der Kern des Films. Baust du deine Filme immer anhand der Hauptfigur und ihren Erlebnissen auf?

Ja, das ist immer mein primäres Interesse. Der Charakter und die Situation, in der er sich befindet. Da fange ich an, ich sammle Charaktere und Situationen. Die Geschichte entwickelt sich dann daraus. Das bevorzuge ich, für mich ist es langweilig, wenn ein Film andersrum aufgebaut ist. Dass der Plot zuerst steht und dann die Charaktere nur wie Sklaven drum rum agieren. And die Szenen nur dem Plot dienen. Ich versuche es andersrum zu machen, dass der Plot nur der Kleber ist, der die Szenen zusammen hält, aber nicht mehr.

Dagur Kári_G. Magni Agustsson

‚Virgin Mountain‘ Regisseur Dagur Kári – © G. Magni Agustsson

Der Untertitel der Films heißt „You can’t avoid life forever“ – ist das eine Kritik am Hauptcharakter Fúsi?

Nein, ich möchte eher Verständnis für einen Menschen wie ihn schaffen. Natürlich, die meisten Menschen glauben, dass es nur gesund ist, wenn er einen Stoß in die richtige Richtung bekommt, um sein Leben zu verändern. Aber ich bin tolerant ihm gegenüber. Eigentlich mag ich es nicht mit einfachen Botschaften oder Slogans zu arbeiten. Auf eine Weise ist der Film sehr einfach, aber auf eine andere Art auch sehr complex, das mag ich daran. Jeder kann das nachfühlen. Trotzdem gibt es verschiedene Ebenen. Ich habe fast Angst davor, die Botschaft des Films auf einen Satz zu runterzubrechen. Der Film spielt vor allem mit dem Schuldgefühl, jemanden aufgrund dessen verurteilt zu haben, wie er aussieht oder andere oberflächliche Gründe. Aber das ist nur ein Aspekt von vielen. Den Film muss man sich einfach selbst anschauen, und eigene Schlüsse daraus ziehen. Das Ende ist offen, das ist von mir so beabsichtigt. Ich möchte dem Publikum Raum für Interpretation geben. Das Format des Films ist extrem manipulierbar. Persönlich hasse ich es, wenn ich das Gefühl habe, dass mich da jemand an der Hand nimmt und mich durch die Geschichte führt, es gar kein Platz für meine eigene Interpretation gibt. Ich will Platz für meine eigene Persönlichkeit im Film, sodass ich selbst die Dinge zusammenbringen kann.

Bist du in gewisser Weise dagegen, die Handlung einer Films zusammenzufassen und hättest, wenn möglich, gar keinen Untertitel gewählt?

Irgendwie müssen Filme immer ganz einfach sein. Wenn du den Film nicht in einem Satz zusammenfassen kannst, dann hast du ein Problem. Ich möchte dagegen ankämpfen, weil ich denke, was das Erzählen von Geschichten erst interessant macht, ist Komplexität und Nuancen. Ich traue mich fast gar nicht, so etwas zu sagen, weil das dann Leute lesen und denken: „Oh, wieder so ein intellektueller Scheiß, das werde ich mir nicht ansehen.“ Aber ich denke, dass jeder mit meinem Film etwas anfangen kann. Es liegt eine gewisse Gefahr darin, Dinge zu vereinfachen. Allein die Beziehung zu seiner Mutter ist sehr komplex. Seine Mutter ist seine beste Freundin, aber auch sein schlimmster Feind. Und das gleiche mit der Frau, die in seinem Leben auftaucht. Sie ist auch Freund und Feind zugleich, ebenso wie das kleine Mädchen. Sie haben alle eine gewisse Dualität.

Der Film ist an vielen Stellen aber auch sehr lustig, mit einem sehr speziellen Humor. Wie hast du den entwickelt und hattest du Angst dabei, diese Art von isländischem Humor einem internationalen Publikum bei der Berlinale zu präsentieren?

Was Humor angeht, da habe ich viel Verlass auf mich selbst, auch auf mehreren Sprachen. Damit habe ich schon einige Erfahrung, da ich filme in Isländisch, Dänisch und Englisch gemacht habe. Aber am Ende weißt man nie wirklich, welche Nuancen zum Publikum durchdringen und welche nicht, davor hat man natürlich Angst. Ich glaube, dass allein das Skript in diesem Film mit einer Menge Nuancen arbeitet, zum Beispiel die besondere Art wie ältere und jüngere Generationen sprechen. Und dann auch Kinder, ich hab versucht, für jede Altersgruppe eine bestimmte Nuance zu treffen. Bei der Premiere auf der Berlinale habe ich den Film zum ersten Mal mit einem Publikum gesehen und war selbst überrascht, wie viel Gelächter es hab, mehr als ich erwartete hatte.

Die Musik für den Film hast du auch selbst geschrieben. Wie kam es dazu und wie war der Prozess?

Ich bin schon lange Teil dieses [musikalischen] Duos gewesen, mit dem Namen „Slowblow“. Wir haben angefangen als Pop-Duo und haben so Alben zusammen aufgenommen. Aber in den letzten zehn Jahren haben wir nur Soundtracks für meine Filme und ein paar andere Projekte gemacht. Normalerweise habe ich ein Thema im Kopf, bevor ich mit den Dreharbeiten anfange oder währenddessen. Ich mag es sehr, die Musik und den Schnitt gleichzeitig zu machen. Dann muss man den Schnitt nicht festsetzen und die Musik auf ein bestimmtes Timing trimmen, sondern hat zwei Prozesse, die miteinander im Dialog stehen. So macht man nicht nur Musik zu einem Film, sondern auch einen Film zur Musik. Aus meiner Sicht ist das optimal und wie es bei mir funktioniert.

Hauptdarsteller Gunnar Jónsson - © Rasmus Videbæk

Hauptdarsteller Gunnar Jónsson – © Rasmus Videbæk

Wie würdest du die Filmindustrie und die kreative Branche in Island beschreiben?

Island ist ein sehr kleines Land, und irgendwie würde man doch denken, dass es unmöglich ist, dort vieles zu machen. Wir haben eine Bevölkerung von 350.000 Menschen, das ist wie eine kleinere Stadt in Deutschland. Aber trotzdem, all diese Filme, Musik und Theater, ein riesiger Output kommt aus diesem kleinen Land. Das macht eigentlich gar keinen Sinn. Aber was echt besonders an Island ist: Man hat dieses Gefühl, als ob alles möglich ist. Eine Art von roher kreativer Energie, die man förmlich spüren kann und Island von anderen Ländern abhebt.

Wie schätzt du die Rolle von Baltasar Kormákur für die isländische Filmindustrie ein?

Er ist zu einer Art von Pionier geworden, weil er es geschafft hat, seine Karriere nach Hollywood zu bringen, wo er jetzt ein sehr beliebter Regisseur ist. Das hat natürlich auch einen Einfluss auf die Filmindustrie in Island, denn oft nimmt er einen großen Teil dieser Hollywood-Produktionen zurück nach Island und schafft somit hier neue Möglichkeiten für andere Filmemacher, indem er große Hollywood-Projekte als Import nach Island bringt.

Ninja Nora

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Autor at Serien Ninja
Die Seriensucht hat für Nora mit Buffy, Charmed und The O.C. angefangen. Damals noch deutsch synchronisiert, heute nur noch im englischen Original. Was für eine Generation davor die alten Star Wars Filme bedeuten, ist für sie die Lord of the Rings-Trilogie. Wählt ihre Serien gerne anhand von geliebten SchauspielerInnen aus. Zur Zeit gehören "Game of Thrones" und "The Originals" zu ihren Favoriten.
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@noracaterina

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