„Wet Hot American Summer – First Day of Camp“ auf Netflix – Die Serie zum Hitzschlag

Mit dem Comedy-Sequel „Wet Hot American Summer – First Day of Camp“ beweist Netflix exzellentes Timing und liefert die passende Serie zur Hitzewelle. Denn läuft das überhitzte Hirn nur halb, lacht es sich gleich doppelt leicht.

Wet Hot American Summer-Regisseur & Autor David Wain läuft mit seinem Comedy-Filmen seit Jahrzehnten knapp 10cm neben dem Mainstream her, wirkliche Hits hat er in seiner bisherigen Filmografie eigentlich keine. Trotz oft zugkräftiger Namen wie Stammspieler Paul Rudd, der schon in den Wain-Filmen Wanderlust, They Came Together und Role Models die Hauptrolle übernahm. Überhaupt scheint David Wain ein Händchen fürs Menschliche zu haben. Wie wäre es sonst zu erklären, dass seine Filme oft von berühmten Namen nur so strotzen (und trotzdem meistens floppen)? Was auch bei Wet Hot American Summer – First Day of Camp nicht anders ist. Und das ist, so vermute ich direkt mal, überhaupt der Grund, warum „First Day of Camp“ existiert. Wie vielfach berichtet wird, richtet Netflix seine Serienbestellung knallhart am analysierten Nutzerverhalten aus. Darum wurde Adam Sandler von dem Streaming-Dienst mit einem großzügig bezahlten 4-Filme Deal ausgestattet. Netflix weiß: Seine User lieben Sandler, seine Produktionen werden mit am häufigsten wiederholt abgerufen.
Wet Hot American Summer lockt ebenfalls mit reichlich Comedy-Starpower, was aber nahezu Zufall ist. Denn als Paul Rudd, Amy Poehler (Parks & Recreation), Bradley Cooper, Elizabeth Banks (Hunger Games) und Christopher Meloni (Man of Steel, True Blood, Law & Order) 2001 im originalen „Wet Hot“ auftraten, kannte die meisten von ihnen noch keine Sau, mittlerweile sind einige von ihnen unerhört berühmt geworden.

Was sie alle nicht daran gehindert hat, für dieses „Prequel“ zurückzukehren. Wohl auch zum Wain’schen Freundschaftspreis, was Netflix dann auch eifrig bestellen hat lassen. Am Erfolg der Filmvorlage kann es ja nicht liegen. Wet Hot American Summer war 2001 nicht nur ein kommerzieller Flop (in Deutschland ging das Ding direkt ins DVD-Regal), auch die Kritiker fandens damals ziemlich scheiße (32% bei RottenTomatoes). Dass der Film sich seitdem zu einer Art Kultstreifen entwickelt hat, dürfte eben auch daran liegen, dass seitdem so viele Menschen aus der Besetzung so steil die Celebrity-Leiter emporgeklettert sind.

Und hat man bereits einen Haufen berühmter Menschen versammelt, ist das wie mit Fliegen. Andere werden dann automatisch angezogen. Und so gesellen sich im Netflix-Prequel nochmal A-Lister wie Kirsten Wiig, Jon Hamm, Chris Pine oder die Indie-Darlings Lake Bell, Jason Schwartzman und Judah Friedlander, neben alten Hasen wie Janeane Garofalo, Molly Shannon und Michael Ian Black. Wo kriegt man sonst soviel Starpower zu diesem Preis?

Was ist das Beste an „Wet Hot American Summer – First Day of Camp“?

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Ohne Witz, Netflix, das habt ihr wirklich gefickt eingeschädelt. Draußen 30Gradplus, der Erdball stöhnt unter dem hochsommerlichen Wetter. Da kann das Bedürfnis aufkommen, sich daheim ins schattige Nest zu verkriechen und die Glotze anzuschmeißen, während man keuchend im eigenen Saft brät, den Ventilator neben sich. In diesem Zustand kann das ausgemergelte Gehirn keine komplexen Plotlines, tiefe Charakterzeichnungen oder verworrende Handlungen verarbeiten. Deswegen kapiert derzeit auch keiner, was eigentlich in der zweiten Staffel von True Detective überhaupt abläuft. Das ist zu kompliziert für dieses Wetter, die hätten das im Winter ausstrahlen müssen. „Wet Hot American Summer – First Day of Camp“ ist dagegen genau das Gegenteil von kompliziert. Es ist absurdes, null-forderndes Schmierentheater, das sich keine Sekunde ernst nimmt und das auch nie vom Zuschauer verlangt.

Was eben perfekt ist, wenn ohnehin nur eine Hirnhälfte arbeitet und der Zuschauer zwischendurch auch mal ein paar Minuten wegdriften möchte. „Wet Hot American Summer – First Day of Camp“ ist so flach wie ein schlecht bewässerter Karpfenteich. Doch „flach“ bedeutet nicht zwangsläufig „doof“. Der Humor in „First Day of Camp“ ist oft absurd, sehr situativ, wirkt an vielen Stellen improvisiert und nicht immer durchdacht. Weniger Wortwitz, mehr Slapstick. Geistreich ist anders. Für mich landeten hier längst nicht alle Gags, im Gegenteil. Vieles konnte mir vielleicht gerade so ein leichtes Grinsen entlocken, richtig laut aufgelacht habe ich selten. Und trotzdem funktioniert das als müdes BingeWatch-TV optimal.

Der Grund ist, dass dem absurden Humor Wains die pubertäre Bösartigkeit eines Adam Sandler, Kevin James & Konsorten abgeht. Während Filme wie „Kindsköpfe“ und „Paul Blart“ oft wie zynische Cash-Cows wirken, in denen reiche, weiße Männer dämliche Witze über Randgruppen machen, kriegt „Wet Hot American Summer“ geschickt die Sympathiekurve. Eben weil es auf PippiKackaPillermann-Humor größtenteils verzichtet oder ihn zumindest mittels selbstironischem Augenzwinkern einordnet. Und weil sich der prominente Cast so eitelkeitsbefreit in diese abstrusen Momente hineinalbert. Adam Sandlers Figuren machen sich stets über andere lustig, es ist ein Humor, der größtenteils aus „Mit dem Finger auf etwas zeigen“ besteht. Die Figuren in „Wet Hot American Summer“ ziehen den Humor stets aus sich selbst. Da ist es dann nicht so schlimm, dass das Ergebnis eher zum Schmunzeln, als zum Totlachen anregt.

Im Gegenteil – zuviel Lachen wäre mir gerade viel zu anstrengend! Ich grinse lieber über diesen flachen Witz, wegen dem ich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte keine Regung erzeugt hätte und arbeite weiter an der Vergrößerung des Rückenschweißflecks auf meinem Sofa. Ist man auf dem höchstens knöcheltiefen Humor erstmal eingegroovt, kucken sich diese 8×20 Minuten wie von selbst weg. Und bei dieser Überaufgebot an Comedy ist für jeden was dabei. Paul Rudd charmt aus vollem Rohr (sein Entrance mit dem Motorrad!), die Romanze zwischen Bradley Cooper & Michael Ian Black hat auf einmal einen politisch relevanten Hauch, Lake Bell ist eine Traumfrau, Christopher Meloni saudoof komisch als der Campkoch mit Militärvergangenheit und Jon Hamm großartig als Profikiller-Parodie. Meine Favoriten waren der subtil, aber bestimmt baggernde, israelische Austauschschüler Yaron (gespielt von Regisseur Wain selbst) und der Anführer des fiesen Reichen-Ferienlagers „Camp Tigerclaw“ (Josh Charles). Hier ziehen wirklich alle am gleichen, sich selbst unermüdlich aufs Korn nehmenden Strang.

Christopher-Meloni-in-Wet-Hot-American-Summer

Was ist das Schwächste an „Wet Hot American Summer – First Day of Camp“?

ÄHhhh……………deine Mudder? Scheiße, schon wieder keine Eiswürfel mehr im Gefrierfach.
Wenn man „Wet Hot American Summer – First Day of Camp“ irgendetwas ankreiden wollen würde, dann, dass es an manchen Stellen so unausgegoren wirkt, wie ein dreistündiger „Saturday Night Live“-Sketch, an dem die Performer mehr Spaß haben, als die Zuschauer. Aber wenn es so heiß ist und die Menschen auf dem Schirm so liebenswert sind, ist das nicht so schlimm.
Ich glaube ich halte mal eben meinen Kopf unter den Wasserhahn…

Wer sollte sich „Wet Hot American Summer – First Day of Camp“ ansehen?

Alle, die sich an heißen 30GradPlus-Tagen lieber verkriechen und deren Hirn ohnehin nur auf halber Drehzahl läuft. Alle, die Programm brauchen, was den wachen Teil meines Hirns unterhält, ohne ihn zu überfordern, gleichzeitig aber nicht völlig die Intelligenz beleidigt. Fans von amerikanischer Indie-Comedy oder Saturday Night Live-Sketchen, die keine durchdachten Plots oder Gags brauchen, sondern sich auch mal dem Sinn fürs Absurde hingeben können. Und allen Fans von Star-Cameos.

Wet Hot American Summer – First Day of Camp eignet sich außerdemhervorragend als „Nebenbei-Programm“, während man die Wohnung aufräumt oder mit einem Auge im Netz surft. Diese Serie verlangt nicht deine volle Aufmerksamkeit und sie ist dir nicht böse, wenn du mal zehn Minuten nicht aufpasst. Genau das Richtige für diesen Hot Dry European Summer.

Bradley Cooper Amy Poehler Wet Hot American Summer First Day of Camp Netflix

Wer sollte sich „Wet Hot American Summer – First Day of Camp“ nicht ansehen?

Humoristische Feingeister, die der amerikanischen Sitcom-Kultur eher abgeneigt sind und generell ein wenig mehr Fleisch an den Knochen brauchen. So Nebensächlichkeiten wie dreidimensionale Figuren, einen nennenswerten Spannungsbogen oder sowas wie eine „Haltung“ oder „Aussage“ gibt’s hier nicht. Ich habe das nicht vermisst, aber man muss sich eben darauf einlassen können.

Was gibt es sonst noch zu „Wet Hot American Summer – First Day of Camp“ zu sagen?

Dass es wirklich phänomenal ist, wie wenig manche der Stars in den letzten 15 Jahren optisch gealtert sind. Paul Rudd ist Mitte Vierzig und kriegt den Typen Anfang Zwanzig immer noch irgendwie halbwegs glaubwürdig hin! Wie macht dieser Sack das bloß? Welchen Jungbrunnen hat der ausgegraben? Und wo? Selbiges gilt auch für Bradley Cooper. Gottverdammt, die Natur ist echt ein unfaires Luder.

Ach ja und falls mir jemand erklären kann, was zur Hölle in der zweiten Staffel True Detective abgeht, so freue ich mich über Zuschriften auf Twitter an @OneRealSweetMan – soweit ich es mitgekriegt habe, will Vince Vaughn sein Geld zurück, der eine Cop ist heimlich schwul, Colin trinkt gerne Fusel und Rachel McAdams bumst jüngere Kollegen. Vorhang, Leonard Cohen. Habe ich was verpasst?

Ninja Philipp

Ninja Philipp

Redakteur at Serien Ninja
Wo immer etwas über einen Bildschirm flimmert, ist Philipp nicht weit! Wahrscheinlich kommt das daher, dass er in seiner Kindheit nicht viel fernsehen durfte. Das kommt davon, liebe Eltern! Heute konsumiert er mit Vorliebe alles, was mit Science-Fiction, Superhelden, Zombies, fiktionalen Königreichen, Robotern, Römern oder zwischenmenschlichen Problemen zu tun hat. Krimis findet er jetzt nicht so spannend, interessante Dokumentationen dafür umso mehr.
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32 | Fels in Brandenburg | Hier ist nicht mal mir zum Lachen
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